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Digitale Gesundheitsförderung – Mit dem ergoscan zu einem gesunden Rücken am Arbeitsplatz

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An einem normalen Werktag verbringen die Deutschen im Mittel 7,5 Stunden sitzend. Dies geht aus dem aktuellen DKV-Report 2018 hervor. 48% der in der Studie befragten Menschen gaben sogar an, dass sie täglich mehr als 8 Stunden (meist im Büro) sitzen, viele von Ihnen erfüllen zudem noch nicht einmal die Mindestaktivitätsempfehlungen der WHO (mindestens 150 Minuten in der Woche mit moderater Intensität oder 75 Minuten in der Woche mit hoher Intensität) [1]. Wenig unterbrochene Sitzzeiten erhöhen das Risiko für die Entstehung zahlreicher Zivilisationserkrankungen wie in verschiedenen Studien herausgefunden wurde [2].

Rückenschmerzen, unter anderem durch langes Sitzen oder einseitige Belastungen verursacht, zählen zu den häufigsten Beschwerden in unserer Bevölkerung und sind allgegenwärtig: Insgesamt leiden 75 Prozent der Beschäftigten im Jahr mindestens einmal an Rückenschmerzen wie eine Befragung der DAK-Gesundheit herausfand. Beschwerden dieser Art sind eine Hauptursache für Arbeitsunfähigkeitstage und stellen einen großen Produktivitätsverlust für Unternehmen dar [3].

Bisher gibt es nur wenige Methoden, um die Rückengesundheit im Büro effektiv zu fördern. Die Nationale Versorgungsleitlinie Kreuzschmerz empfiehlt zur Prävention von Rückenschmerzen am Arbeitsplatz die a) Information und Schulung über die Entstehung und den Verlauf von Rückenschmerzen, b) regelmäßige körperliche Aktivität und c) die ergonomische Gestaltung von Arbeitsplätzen [4].

Existierende BGM-Maßnahmen zur Rückengesundheit wie z.B. Ganzkörper-Screenings beinhalten meist nur eine Momentaufnahme der Körperhaltung und stellen oft keine Nachbetreuung zur Verfügung, die gerade in Bezug auf Verhaltensänderungen als sehr wichtig angesehen wird.

Im Rahmen eines dreijährigen von der EU geförderten Forschungsprojektes unter dem AAL Förderprogramm hat fitbase (gemeinsam mit sieben weiteren Partnern) unter der Leitung der cogvis GmbH eine 3D Haltungsanalyse für den Arbeitsplatz entwickelt. Aufbauend auf die im wellbeing Projekt durchgeführten Pilotstudien wurde der ergoscan weiterentwickelt und verbessert. Herausgekommen ist ein Instrument, das im Gegensatz zu herkömmlichen Maßnahmen Langzeitmessungen direkt am Arbeitsplatz durchführen kann ohne den Teilnehmer in der Arbeitsroutine zu unterbrechen. In Kombination mit einer Nachbetreuung in Form der Online Rückenschule bildet dieser digitale Helfer einen innovativen Lösungsansatz, um noch individueller auf die (Rücken-) Gesundheit der Mitarbeiter einzugehen und diese nachhaltig zu fördern.

 

Funktionsweise des ergoscans

Der ergoscan mit seinem integrierten 3D Sensor (siehe Abbildung 1) wird direkt auf dem Monitor befestigt. Im Vergleich zu anderen Messverfahren handelt es sich hierbei um ein Marker-freies Verfahren, da keinerlei Sensoren am Körper befestigt werden müssen und die Teilnehmer bei der Arbeit nicht beeinträchtigt werden.

Das Gerät erfasst die Haltung der Person vor dem Monitor über eine Dauer von 4-5 Tagen. Als Referenzpunkte werden die Position des Kopfes, des Nackens, der Brust und der Schultern gemessen und für die weitere Auswertung herangezogen. Die Auswertung der Sitzpositionen basiert im Wesentlichen auf der Analyse der Datenpunkte (x,y,z Koordinaten der Messpunkte) und deren Verhältnis zueinander, um z.B. die Vorwärtsneigung des Körpers berechnen zu können.

Die Messung der Position erfolgt dreimal pro Sekunde, wodurch auch kleine Positionsänderungen sofort erkannt und vom System erfasst werden können. Die Positionsdaten werden anschließend verschlüsselt an den fitbase Server übermittelt. Der ergoscan verwendet für die Analyse lediglich Tiefendaten, also Koordinaten im Raum, die anhand von Zahlenfolgen ausgegeben und übermittelt werden. Die Datenübertragung erfolgt mittels SIM Karte und somit unabhängig von vorhandenen (Firmen-) Netzwerken, wodurch ein hohes Datenschutzniveau gewährleistet wird.

Die weitere Verarbeitung, Interpretation und Auswertung der Haltungsdaten erfolgt direkt durch fitbase, wo auch der individuelle Report erstellt und dem Teilnehmer zurückgemeldet wird.

Abb. 1: Der ergoscan

Im Zuge des wellbeing Projektes wurde der Grundstein für die Entwicklung des ergoscan gelegt: In der Pilotstudie zeigte sich, dass bis zu 80% der Personalverantwortlichen ein digitales System zur Gesundheitsförderung in ihrem Unternehmen einsetzen würden, wobei die Erfassung der Ergonomie als wesentliches Kriterium genannt wurde. Zudem zeigte sich, dass sich die Lebensqualität der Testpersonen durch den Einsatz der 3D Sensorik erhöht und bestimmte Schmerzen (z.B. im Nacken) rückläufig waren. Basierend auf diesen Ergebnissen wurde der ergoscan unter Einbezug der potentiellen NutzerInnen zur Produktreife weiterentwickelt.

 

Individueller Haltungsreport und Online-Rückenschule als Nachbetreuung

Nach der mehrtägigen ergoscan Messung werden die Haltungsdaten unter Anwendung maschinellen Lernens und intelligenter Algorithmen weiterverarbeitet, interpretiert und mithilfe eines 3D Modells visualisiert. Die visualisierten Haltungen werden anschließend von spezialisierten Sportwissenschaftlern/Physiotherapeuten mithilfe eines Ampelfarben-Systems in günstige, bedingt günstige und ungünstige Sitzhaltungen eingeteilt. Teilnehmer erhalten anschließend einen detaillierten Haltungsreport, der die eingenommen Haltungen erklärt und visualisiert.

Zu jeder Sitzposition werden Empfehlungen zur Verbesserung der Haltung vermittelt. Die praktischen Handlungsempfehlungen sind jeweils mit einer graphischen Darstellung der ungesunden Sitzhaltung und einer videogestützten Übung aus der „Online-Rückenschule“ verbunden. Untenstehend wird die Datenvisualisierung in Abbildung 2 veranschaulicht.

Ungünstige Haltung – Sie haben 18% Ihrer Zeit in dieser Haltung verbracht    

Abb. 2: Visualisierung der Sitzhaltung

Zudem werden im Haltungsreport sowie im anschließenden Onlinekurs Informationen zum Aufbau der Wirbelsäule, der Problematik von langen Sitzzeiten und die optimalen Verhältnisse für ein gesundes Sitzverhalten vermittelt. So werden die Teilnehmer für das Thema Rückengesundheit sensibilisiert und auf die Entwicklung neuer Verhaltensweisen vorbereitet.

Die nach §20 SGB V zertifizierte und KddR-konforme Online-Rückenschule bildet die Basis für die Nachbetreuung der ergoscan Teilnehmer. Mit dem Onlinekurs werden die Teilnehmer nach der Messung abgeholt und zur nachhaltigen Förderung ihrer Rückengesundheit motiviert. In einem Zeitraum von zehn Wochen beschäftigen sich die Teilnehmer mit Themen zur Rückengesundheit, Ergonomie und Bewegung. Mithilfe von Videos werden Bewegungsabläufe und praktische Übungen für den Arbeitsplatz anschaulich vermittelt sowie Tipps zur Ergonomie gegeben. So wird neben der Wissenserweiterung ein Transfer in den Alltag sichergestellt.

In einer 2018 durchgeführten Wirksamkeitsstudie der Online-Rückenschule stellte sich heraus, dass die Teilnehmer (n = 693) effektiv die Präsenz und Stärke der Rückenbeschwerden sowie die Sitzzeit reduzieren konnten. In Abb. 3 und 4 wird die Reduzierung der Präsenz und Stärke der Rückenschmerzen veranschaulicht. Darüber hinaus wurde der Umgang mit körperlichen Belastungen im Alltag verbessert. Die Studienergebnisse zeigen, dass die Online-Rückenschule die Teilnehmer zu einer nachhaltigen Verbesserung der Rückengesundheit aktivieren kann.

Abb. 3: Die Stärke der Rückenschmerzen zu Beginn und Ende des Kurses

Abb. 4: Prozentuale Präsenz von Rückenschmerzen zu Beginn und Ende des Kurses

 

Ausblick

Der Einsatz von moderner Sensorik in Kombination mit digitalen BGM-Maßnahmen bietet Gesundheitsexperten neue Möglichkeiten, um gesundheitsschädigendes Verhalten auf einem individuellen Level direkt am Arbeitsplatz zu erfassen und die Mitarbeiter zu einer langfristigen Verhaltensänderung zu motivieren. Aufgrund der digitalen Komponente kann eine hohe Anzahl an Mitarbeitern zeit- und ortsunabhängig erreicht und gleichzeitig das BGM Budget geschont werden. Im Zuge digitaler BGM-Maßnahmen sollten jedoch die Herausforderungen in Bezug auf Datenschutz und die Überprüfung der Effektivität der Maßnahmen stets im Auge behalten werden.

Fitbase hat es sich zum Ziel gesetzt, den ergoscan als innovativen digitalen Helfer zur Prävention von Rückenschmerzen am Markt zu etablieren und in diversen Betrieben einzusetzen. Parallel dazu werden neue Module entwickelt, wie das intelligente Sitzkissen, welches ebenfalls sensor-basierte ergonomische Analysen des Sitzverhaltens und der Körperhaltung ermöglicht.

 

Literaturverzeichnis

[1] Prof. Dr. Ingo Froböse, Dr. Bianca Biallas, Dr. Birgit Wallmann-Sperlich (2018): Der DKV-Report 2018. Wie gesund lebt Deutschland? DKV Deutsche Krankenversicherung, ERGO Media Relations: Düsseldorf, S. 26-33.

[2] de Rezende, L. F. M., Lopes, M. R., Rey-López, J. P., Matsudo, V. K. R., & do Carmo Luiz, O. (2014): Sedentary behavior and health outcomes: an overview of systematic reviews. PloS one, 9(8).

[3] J. Marschall, S. Hildebrandt, K. Zich, T. Tisch, J. Sörensen, H. Nolting (2018): Gesundheitsreport 2018: Analyse der Arbeitsunfähigkeitsdaten. Update: Rückenerkrankungen. Beiträge zur Gesundheitsökonomie und Versorgungsforschung, Bd. 21. Heidelberg: medhochzwei Verlag. ISBN: 978-3-86216-444-8. https://www.dak.de/dak/download/gesundheitsreport-1970354.pdf [Abruf am: 02.08.2018].

[4] Bundesärztekammer (BÄK), Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV), Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften (AWMF) (2017) Nationale VersorgungsLeitlinie Nicht-spezifischer Kreuzschmerz –Langfassung. 2. Auflage, Version 1. www.kreuzschmerz.versorgungsleitlinien.de (Stand: 20.07.2018)

Johannes Heering

Johannes Heering

Johannes Heering studierte BWL und Wirtschaftsrecht und gründete kurze Zeit später die OfficePhysio GbR, die der Grundstein für alle weiteren Entwicklungen im Bereich eHealth werden sollte. 2014 wurde die Fitbase GmbH gegründet, die in kurzer Zeit zu einem führenden Anbieter digitaler Präventionslösungen wurde und heute 9 Personen beschäftigt. Mit den beiden intelligenten Innovationen ergoscan und SitSmart wurden zwei IoT Lösungen entwickelt, die einen wichtigen Beitrag zur Gesunderhaltung von Büroarbeitskräften leisten. Johannes Heering ist verheiratet, hat zwei Kinder und lebt in der Nähe von Hamburg.