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Digitalisierung im Gesundheitswesen – Herausforderungen und Chancen für (ältere) NutzerInnen

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Es ist kein neues Phänomen, dass im Gesundheitswesen technische Hilfsmittel eingesetzt werden, um Personen mit Beeinträchtigungen zu unterstützen und das Gesundheitsfachpersonal zu entlasten. Zunehmend kommen jedoch digitale Technologien im Gesundheitswesen zum Einsatz, die zu einer Veränderung von Abläufen und Prozessen im Gesundheitswesen führen. Betroffen sind nicht nur Personen mit und ohne Einschränkungen, sondern auch das Gesundheitsfachpersonal sämtlicher Berufsfelder von der Pflege bis hin zur Physio-, Ergo- und Sprachtherapie ([1], [2], [3], [4], [5]). Die Einsatzmöglichkeiten reichen dabei von Anwendungen zur Organisation und Verwaltung bis hin zu Anwendungen im diagnostischen und therapeutischen Bereich, in der Prävention sowie zur Unterstützung älterer Personen mit und ohne Einschränkungen in ihrer häuslichen Umgebung ([6], [7]). Sämtliche Beteiligte werden aufgrund des stetig wachsenden Einsatzes digitaler Technologien vor neue Herausforderungen gestellt, mit denen es im Alltag umzugehen gilt. Ziel dieses Beitrags ist es, diese Herausforderungen näher zu beleuchten, sowie die sich durch den Technikeinsatz ergebenden Chancen für Seniorinnen und Senioren mit und ohne Einschränkungen sowie für das Gesundheitsfachpersonal zu thematisieren.

 

Hintergrund

Mittlerweile ist das Spektrum an digitalen Technologien im Gesundheitswesen sehr groß. Dementsprechend viele Begriffe, Ansätze und Definitionen gibt es, um das stetig wachsende Feld dieser neuen Technologien zu beschreiben. Je nach Sichtweise wird dabei auf bestimmte Aspekte digitaler Technologien fokussiert und unter mehr oder weniger spezifischen Anwendungsfeldern beschrieben. Eine Taxonomie, die nach Anwendungsfeldern und –arten unterteilt, stammt von [8] und wird in [9] näher beschrieben. Nach dieser umfasst der Begriff der Digitalisierung im Gesundheitswesen „sämtliche Veränderungen und Innovationen im Bereich der Gesundheitsversorgung oder von Geschäftsmodellen sowie Effizienzsteigerungen interner Prozesse und die Vernetzung von Akteuren durch den Einsatz von IKT im Gesundheitswesen“ ([9], S.26). IKT steht in dieser Definition für Informations- und Kommunikationstechnologien. E-Health beschreibt nach [9] „den gesundheitsbezogenen Einsatz von IKT im Gesundheitswesen. (…) Grundsätzlich können lokalisierte Anwendungsarten auch mit Hilfe mobiler Endgeräte erbracht werden und somit auch dem Anwendungsfeld m-Health zugeordnet werden“ ([9], S. 26). Unter dem Begriff der Gesundheitstelematik sind Anwendungen zusammengefasst, bei denen die Überwindung räumlicher Distanzen im Fokus steht. Gesundheitstelematik kann daher auch als Teilbereich von E-Health angesehen werden ([9], S.26). Im Hinblick auf den Einsatz digitaler Technologien im häuslichen Umfeld bei Seniorinnen und Senioren mit und ohne Einschränkungen ist das Anwendungsfeld des Ambient Assisted Living (AAL) relevant. Das Anwendungsfeld AAL zielt nach [9] „…auf das selbstständige häusliche Leben durch technische Assistenz. AAL erstreckt sich auch auf Bereiche der Digitalisierung außerhalb des Gesundheitswesens (z.B. Wohnungswirtschaft) und umfasst technische Basisstrukturen im häuslichen Umfeld (Sensoren, Aktoren, Kommunikationseinrichtungen) und Dienstleistungen durch Dritte.“ ([9], S.27).

Neben der Einordnung digitaler Technologien in spezifische Anwendungsfelder können diese anhand verschiedener Eigenschaften beschrieben werden. Folgt man der Definition von [10], zeichnen sich neue bzw. digitale Technologien durch die drei möglichen Eigenschaften „Sensorbasiert“, „Interaktiv“ und „Intelligent“ aus, die unterschiedlich miteinander verknüpft sein können und somit auch hinsichtlich ihrer Komplexität differenzierbar sind (näheres s. [10]). Eine besonders komplexe digitale Technologie, wie ein sozialer Roboter, ist in der Lage im Rahmen einer Interaktion verschiedene Informationen über den Interaktionspartner mit Hilfe der Sensoren zu registrieren und zu verarbeiten, um basierend auf diesen, eine angemessene Interaktionsreaktion zu generieren. Eine weniger komplexe digitale Anwendung, wie beispielsweise eine Gesundheits-App zur Darstellung von krankheitsrelevanten Informationen, stellt hingegen lediglich Informationen zur Verfügung, die von Nutzerinnen und Nutzern abgerufen werden können.

Die Ziele, die mit dem Einsatz dieser unterschiedlich komplexen digitalen Technologien verfolgt werden, sind vielfältig. Viele lassen sich ursächlich auf die demographische Entwicklung sowie den prognostizierten steigenden Fachkräftemangel zurückführen.

Man erhofft sich, beispielsweise durch den Einsatz von robotischen Systemen, dass Versorgungsengpässe abgefedert werden können [11]. Weitere intendierte Ziele sind:

  • die Aufrechterhaltung einer hohen Versorgungsqualität
  • die Optimierung von Arbeitsabläufen und -prozessen
  • die Überwindung zeitlicher und örtlicher Grenzen
  • die Kostenersparnis
  • die zeitliche und physische Entlastung des Gesundheitsfachpersonals
  • ein längerer Verbleib von Seniorinnen und Senioren im häuslichen Umfeld

(s. [11], [5], [12]).

Insbesondere letztes Ziel ist nicht nur als ein subjektives Ziel der betroffenen Personen zu bewerten, sondern vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels in der Pflege auch ein gesellschaftliches ([13]). Darüber hinaus sind viele Pflegeeinrichtungen ausgelastet, sodass es ohnehin schwierig sein kann, einen Platz in einer nahegelegenen Einrichtung zu erhalten. Der Bedarf an digitalen Technologien ist daher im häuslichen Bereich besonders hoch.

Im Folgenden werden beispielhaft einige digitale Technologien in Hinblick auf spezifische Anwendungsbereiche und Einsatzgebiete näher beschrieben.

 

Einsatzgebiet: Häusliches Umfeld

Viele ältere Personen wünschen sich möglichst lange zuhause wohnen zu bleiben und weiterhin am Alltagsgeschehen teilnehmen zu können. Insbesondere der Aspekt der Teilhabe, der nach der [14] als „Einbezogensein in eine Lebenssituation“ definiert wird, ist für Seniorinnen und Senioren mit und ohne Einschränkungen essentiell. Vor allem Assistenztechnologien und Technologien aus dem AAL-Bereich sollen dafür sorgen, dass dies möglich ist. Beispiele für AAL-Technologien sind intelligente Sturzmatten, intelligente Betten oder intelligente Raummelder, die bei Verdacht auf einen Brand gleich die Angehörigen oder Nachbarn mit informieren. Darüber hinaus fallen unter das Einsatzgebiet AAL auch automatisch gesteuerte Raumkonzepte, wie beispielsweise eine an die Bedürfnisse der Personen angepasste Beleuchtung oder Temperatureinstellung. Die Akzeptanz dieser AAL-Technologien ist laut [13] bereits sehr gut. Das gleiche gilt für das Konzept der Gesundheitsroboter, die zur Assistenz eingesetzt werden. Diese genießen ebenfalls ein hohes Maß an Akzeptanz, indem sie ältere oder beeinträchtigte Personen beispielsweise an Termine und die Einnahme von Medikamenten erinnern [15].

 

Einsatzgebiet: Kranken-/ Altenpflege

Aktuell steht in vielen Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen die Einführung digitaler Patientenakten auf der Agenda, mit dem Ziel den Bereich der Dokumentation zu optimieren und Zeit zu sparen [16]. Darüber hinaus gibt es weitere Tools, die eine digitale Aufzeichnung von Vitaldaten ermöglichen sowie die Arbeitsorganisation optimieren sollen. Viele digitale Technologien, die im häuslichen Umfeld eingesetzt werden, können auch in der Kranken-/ und insbesondere in der Altenpflege zum Einsatz kommen, wie beispielsweise intelligente Sturzmatten oder Technologien, die an Termine oder die Einnahme von Medikamenten erinnern. Dies liegt unter anderem daran, dass in Altersheimen auch Personen wohnen, die kognitiv und körperlich nur leicht eingeschränkt sind und denen ein möglichst selbstbestimmtes und eigenständiges Leben ermöglicht werden soll. Immer häufiger sind daher auch Laptops, Tablets oder Smartphones in Altersheimen anzutreffen, mit denen die betroffenen Personen mit ihren Angehörigen kommunizieren. Darüber hinaus kommen E-Health Anwendungen in Altersheimen oder Kliniken zum Einsatz, wie die elektronische Visite [17]. Aufgabe des Gesundheitsfachpersonals ist es beispielsweise dafür zu sorgen, dass Ärztinnen und Ärzte sowie Patientinnen und Patienten mittels Laptop oder Tablet miteinander kommunizieren können. Mithilfe einer Kamera können Wunden gefilmt werden, die die Ärztin oder der Arzt dann direkt beurteilen und das weitere Vorgehen besprechen kann.

 

Einsatzgebiet: Therapie

Während in der Physiotherapie vor allem Trainingsroboter zur Verbesserung der körperlichen Funktionen im Fokus stehen [18], kommen in der Sprachtherapie vor allem Apps zur Verbesserung der sprachlichen Fähigkeiten sowie zur Motivationssteigerung zum Einsatz [19]. Viele Anwendungen, wie der Einsatz virtueller Agenten, virtueller Realität, Augmented Reality oder der Einsatz sozialer Roboter werden noch erforscht bzw. sind noch in der Erprobung ([20], [21], [5]).

Die Beispiele verdeutlichen, dass digitale Technologien in unterschiedlichen Bereichen mit verschiedenen Zielstellungen eingesetzt werden können und großes Potential bieten. Nichtsdestotrotz ist der Einsatz grundsätzlich mit einigen Herausforderungen für die Nutzerinnen und Nutzer der Technik verbunden. Dies betrifft sowohl das Gesundheitsfachpersonal, als auch die Seniorinnen und Senioren mit und ohne Einschränkungen.

 

Herausforderungen und Chancen

Eine der wichtigsten Herausforderungen, der wir uns stellen müssen, ist die Frage, inwieweit verantwortungsbewusst mit digitalen Technologien umgegangen wird und wie diese sinnvoll und zum Wohle der Nutzerinnen und Nutzer entwickelt und eingesetzt werden können. Im Folgenden werden die mit dem Einsatz verbundenen Herausforderungen sowie die Potentiale und Möglichkeiten näher skizziert.

 

Herausforderungen

Die Herausforderungen, die der Einsatz digitaler Technologien mit sich bringt, lassen sich in verschiedene Bereiche einteilen. So gibt es:

  • Barrieren vonseiten der Nutzerinnen und Nutzer – Unsicherheiten im Umgang mit der Technik, geringe Akzeptanz etc.
  • Barrieren vonseiten der Technologien – Bedienbarkeit, Verfügbarkeit etc.
  • Barrieren vonseiten des Gesundheitssystems – ökonomische, rechtliche, ethische, soziale Rahmenbedingungen etc. [10]

Diese Barrieren erschweren den Einsatz digitaler Technologien und können im Extremfall dafür sorgen, dass die Technik gar nicht erst zum Einsatz kommt.

Eine Barriere, die mit den Nutzerinnen und Nutzern selbst zusammenhängt, betrifft die Unsicherheit im Umgang mit der Technik sowie eine separat auftretende aber auch häufig damit einhergehende geringe Akzeptanz neuer Technologien. Viele digitale Technologien werden vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung eingesetzt und somit bei Personen höheren Alters. Diese, stellenweise als „Digital Immigrants“ (vgl. [22]) bezeichnete Gruppe, ist nicht mit digitalen Technologien aufgewachsen, sodass ihr häufig eine geringere Technikaffinität zugesprochen wird als jüngeren Personen und damit einhergehend eine höhere Unsicherheit im Umgang mit Technik. Ausgehend von den zahlreichen Studien zu Alterseffekten hinsichtlich der Akzeptanz von digitalen Technologien im Gesundheitswesen zeigt sich jedoch kein eindeutiges Bild dahingehend, dass ältere Personen dem Einsatz neuer Technologien negativer gegenüberstehen als jüngere Personen ([23], [24], [25], [26]). Vielmehr zeigt sich, dass eine hohe Akzeptanz häufig von dem Zweck abhängt, wofür die Technologie eingesetzt werden soll, inwieweit ein entsprechender Benefit für die Nutzerinnen und Nutzer vorhanden ist und inwieweit die Technologie im Sozialraum präsent ist, das Alltagsgeschehen beeinflusst und ggf. die Intimsphäre verletzt. Insbesondere beim Einsatz von Robotern für den häuslichen Gebrauch, für Pflege und für Therapie ist der letzte Punkt sehr bedeutsam. In einer Studie von [23] zeigte sich, dass ältere Personen dem Einsatz eines sozialen Roboters in der Therapie deutlich skeptischer gegenüberstanden als jüngere Personen. Dies steht im Einklang mit den Resultaten von [24]. Diese konstatierten, dass die älteste Probandengruppe, Personen zwischen 65 und 75 Jahren, neuen Technologien misstrauischer gegenüberstanden als jüngere Personengruppen und eher mit negativen Emotionen auf einen Roboter reagierte. [25] hingegen konnte keinen Altersunterschied finden. Jüngere und ältere Personen reagierten in der Studie gleichermaßen enthusiastisch auf Roboter, die das Leben zuhause erleichtern. Es kann davon ausgegangen werden, dass gerade im Hinblick auf die unterstützende Funktion im häuslichen Bereich die mit dem Einsatz verbundenen Chancen und Möglichkeiten stärker im Fokus der betroffenen Personen stehen als die damit verbundenen Herausforderungen. Im Rahmen der Studie von [26], wird ein Roboter, der an Speisen, Getränke oder Medikamente erinnert auch als positiver beurteilt im Vergleich zu einem Roboter für körperliches und geistiges Training.

Doch nicht nur älteren Personen wird eine geringere Technikaffinität unterstellt, sondern auch den Angehörigen der Gesundheitsfachberufe ([27], zitiert nach [28]). Von einer grundsätzlich positiven Einstellung dem Technikeinsatz gegenüber kann nicht ausgegangen werden. Der vermehrte Einsatz digitaler Technologien stellt daher für diese Gruppe eine besondere Herausforderung dar ([29]).

Bis es überhaupt zum Einsatz digitaler Technologien kommt, müssen einige Hürden in Hinblick auf technische Aspekte genommen werden. Nicht ohne Grund sind viele, vor allem komplexe Technologien, noch in der Forschungs- und Erprobungsphase. Neben der Bedingung, dass die Technik robust funktioniert und nutzerfreundlich gestaltet ist, muss die Technik zu den örtlichen Gegebenheiten passen. Beispielsweise muss als Grundvoraussetzung für E-Health Anwendungen eine stabile Internetverbindung vorhanden sein, damit die Anwendungen verlässlich laufen können und die Verbindung bei einer Televisite oder einer Teletherapie nicht unterbrochen wird. Gerade im ländlichen Raum ist eine schnelle Internetverbindung noch keine Selbstverständlichkeit, obwohl besonders dort der Bedarf an E-Health Anwendungen aufgrund schwer verfügbarer Gesundheitsfachkräfte hoch ist. Selbst in Krankenhäusern und Pflegeeinrichtungen sind ausreichende und zugängliche Breitbandverbindungen oft eine sehr große Herausforderung. Damit hier eine störfreie und leicht zugängliche Bedienung möglich ist, macht es Sinn vor Einführung gesundheitstelematischer Anwendungen mit der IT-Abteilung entsprechende Rahmenbedingungen zu analysieren und wenn nötig und möglich zu optimieren [30]. Darüber hinaus müssen ökonomische, rechtliche, ethische und soziale Fragen abgeklärt werden. Insbesondere die Frage nach der Finanzierung nimmt einen großen Raum ein. Während der Einsatz einer App im Rahmen einer Therapie zum Teil kostenlos realisiert werden kann, ist die Anschaffung eines robotischen Systems mit enormen Kosten verbunden. Kliniken müssen überprüfen, ob die Anschaffung der innovativen Technologie als wirtschaftlich anzusehen ist. Darüber hinaus spielt das Thema der Evidenzbasiertheit im Kontext therapeutischer Anwendungen eine große Rolle. Hat der Einsatz der digitalen Technologie einen nachweisbaren Nutzen?

Kommt es zur Einführung einer neuen Technologie, müssen sich die Nutzerinnen und Nutzer der Technologie mit dieser vertraut machen. Dies macht eine umfassende und transparente Einweisung in den Gebrauch und den Nutzen der Technologie unerlässlich. Dafür bedarf es jedoch entsprechenden Personals, das sich mit der neuen Technologie auskennt. Dass die Technologie auch wirklich im Alltag eingesetzt wird, hängt nicht zuletzt von der Einstellung der betroffenen Personen gegenüber der neuen Anwendung ab, womit man erneut auf den Punkt der personenbezogenen Barrieren kommt. Dies betrifft nicht nur Seniorinnen und Senioren mit und ohne Einschränkung, sondern, je nach Anwendungsfeld auch das Gesundheitsfachpersonal sowie das Personal, das für die Einweisung und Begleitung zuständig ist [5]. Die Einführung, beispielsweise eines neuen Dokumentationssystems in einer Klinik, bringt nichts, wenn die Dokumentation nach der Einführung doppelt geschieht – sprich das Gesundheitsfachpersonal weiterhin schriftlich dokumentiert und die Daten zusätzlich digital festhält. Dies kann passieren, wenn die Skepsis der neuen Technologie gegenüber noch hoch ist und an alten Arbeitsweisen festgehalten wird. Gegebenenfalls müssen dann die Chancen, die sich durch den Einsatz der digitalen Technologie ergeben, wie eine Zeitersparnis und die damit verbundene Möglichkeit Tätigkeiten nachzugehen, für die sonst keine Zeit war, stärker thematisiert werden.

 

Chancen

Den Herausforderungen gegenüber stehen die Chancen und Möglichkeiten, die sich durch den Einsatz digitaler Technologien ergeben. Die Aussicht auf diese erhöht zuweilen die Motivation, höhere Hürden zu nehmen und sich den Herausforderungen zu stellen. Häufig wiegt die Aussicht auf eine Verbesserung der Lebensqualität durch den Einsatz digitaler Technologien mehr als die Skepsis gegenüber dem Einsatz. Insbesondere wenn der Leidensdruck der Betroffenen sehr groß ist.

Digitale Technologien, wie Notfallsensoren, intelligente Brandmelder oder automatische Herdausschaltungen, ermöglichen es älteren Personen, die aufgrund von Sicherheitsbedenken der Angehörigen in betreute Wohneinheiten oder in ein Altersheim umziehen müssten, gegebenenfalls länger in ihrem eigenen Haushalt zu bleiben. Darüber hinaus bieten digitale Technologien Personen, die aufgrund körperlicher Beeinträchtigung und Hilfsbedürftigkeit nicht mehr so mobil sind, ihren Sozialraum, der häufig nur aus der eigenen Wohnung oder dem eigenen Haus besteht, (wieder) zu erweitern. Informations- und Kommunikationstechnologien, wie beispielsweise eine App zur Kommunikation mit den Angehörigen, tragen dazu bei, dass die betroffenen Personen ihren Aktionsradius erweitern und mit anderen Personen interagieren können. Räumliche Grenzen können so überwunden werden. Inwieweit das Spektrum an Informations- und Kommunikationstechnologien diesbezüglich ausgenutzt werden kann, hängt dabei nicht nur von den alters- oder krankheitsbedingten Einschränkungen ab, sondern auch von der Medienkompetenz der beteiligten Personen. Hier ist eine gute Einweisung essentiell, sowie die Auswahl einer nutzerfreundlichen Technologie, damit die Teilhabe gelingt. Digitalisierung ist an dieser Stelle als Mittel zum Erhalt der Teilhabe am individuellen Sozialraum zu sehen [31].

Der Einsatz von E-Health Anwendungen ist nicht nur für Ärztinnen und Ärzte sowie Therapeutinnen und Therapeuten von Vorteil, da diese Zeit einsparen, indem sie nicht mehr so viele Hausbesuche machen müssen, er bringt auch Vorteile für Patientinnen und Patienten, die sonst in der Praxis vorstellig werden müssten und sich dadurch ggf. einen langen Weg ersparen [17]. Darüber hinaus bietet die Möglichkeit der Televisite positive Effekte für Personen mit Demenz, die in einer Pflegeeinrichtung wohnen und die ggf. wegen einer Wunde vorstellig werden müssen. Personen mit Demenz fällt es schwer das gewohnte Umfeld zu verlassen. Ein Arztbesuch reißt sie unmittelbar aus dieser Umgebung heraus. Häufig benötigen diese Personen nach dem Besuch einige Zeit um sich in ihrem gewohnten Umfeld wieder zurecht zu finden. Sollte ein Hausbesuch durch die Ärztin oder den Arzt nicht möglich sein, ist es eine Chance für die Betroffenen, im gewohnten Umfeld zu verbleiben und die Sprechstunde via Internet zu nutzen. Dies ist auch für das Gesundheitsfachpersonal von Vorteil, da der Transport und die Begleitung zur Arztpraxis sowie der anschließende Wiedereingewöhnungsprozess entfallen. Weitere zeitliche Ersparnisse bieten sich dem Gesundheitsfachpersonal sowohl durch die digitale Dokumentation als auch durch Assistenzsysteme, wie beispielsweise autonome Roboter, die im Krankenhaus beispielsweise die Wäsche transportieren oder Medikamente auf die Stationen bringen. Die Zeit, die dadurch gewonnen wird, kann für Interaktionen mit Patientinnen und Patienten genutzt werden. Somit profitieren auch diese wieder indirekt davon.

 

Fazit

Digitale Technologien im Gesundheitswesen werden zunehmend eingesetzt, so dass man sich verstärkt mit den damit verbundenen Herausforderungen und Möglichkeiten auseinandersetzen muss. Das Spektrum an digitalen Technologien ist mittlerweile so groß, dass in diesem Beitrag nur beispielhaft darauf eingegangen wird. Dennoch gilt es grundsätzlich bei jeder digitalen Technologie abzuwägen, ob der Einsatz es wert ist, bestehende Barrieren zu überwinden. Im Hinblick auf eine mögliche Erhöhung der Lebensqualität sowie verstärkter Teilhabe am gesellschaftlichen Geschehen, ist der Einsatz digitaler Technologien zumeist positiv zu bewerten. Den Betroffenen sollten jedoch ausreichend umfassende und transparente Informationen hinsichtlich der Möglichkeiten und Grenzen neuer Technologien zur Verfügung stehen, damit diese offen und dennoch kritisch mit der Thematik umgehen können. Betrachtet man die Herausforderungen für das Gesundheitsfachpersonal, sind Angebote zur Qualifizierung im Umgang mit digitalen Technologien essentiell. Diese ermöglichen es dem Gesundheitsfachpersonal zukünftig mit den weiteren Herausforderungen, die der Einsatz digitaler Technologien mit sich bringt, professionell umgehen zu können.

 

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Karoline Malchus

Karoline Malchus

Dr. rer. nat. Karoline Malchus arbeitet aktuell als Wissenschaftliche Mitarbeiterin im Fachbereich Wirtschaft und Gesundheit an der FH Bielefeld. Im Projekt „HumanTec“ beschäftigt sie sich vor allem mit der Entwicklung von Studienangeboten für betriebliches Bildungspersonal vor dem Hintergrund der Digitalisierung des Gesundheitswesens.