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Gesundheitskompetenz im digitalen Zeitalter

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Der eigene Hausarzt, die kostenfreie Apotheken-Zeitschrift oder Ratschläge von Angehörigen und Freunden waren lange Zeit die wichtigste Quelle für Gesundheitsinformationen. Personen, die bereits von einer Krankheit betroffen waren, kauften sich spezielle Ratgeber oder informierten sich in Selbsthilfegruppen. Diese Informationsquellen, insbesondere der eigene (Haus-)Arzt, stellen natürlich nach wie vor eine wichtige Informationsquelle für viele Bürger und Patienten dar. Mittlerweile jedoch nimmt das Internet, in einigen Personenkreisen sogar gleichberechtigt zum Arzt, eine wichtige Rolle ein, wenn es um das Finden von gesundheitsrelevanten Informationen geht. Über das Internet stehen den Menschen heute so viele Gesundheitsinformationen wie noch nie zur Verfügung, und das zu jeder Tages- und Nachtzeit und häufig auch noch kostenfrei.

Wissen ist eine wichtige Ressource zur Aufrechterhaltung oder Wiederherstellung der eigenen Gesundheit und daher können die Möglichkeiten, sich gesundheitsrelevantes Wissen über Webangebote anzueignen, als individuelle und gesellschaftliche Chance gesehen werden. Im Kern geht es dabei darum, die eigene Gesundheitskompetenz zu stärken, denn diese spielt in vielen Lebensbereichen (Arbeit, Familie, Wohnen etc.) eine wichtige Rolle.

 

Gesundheitskompetenz – Was ist das eigentlich und wie sieht es in Deutschland aus?

Gesundheitskompetenz, auch als Health Literacy bezeichnet, taucht in den letzten Jahren vermehrt in der wissenschaftlichen und medialen Diskussion auf. Dennoch gibt es bisher keine einheitliche Definition des Begriffes, vielmehr wird Health Literacy gewissermaßen als gesundheitswissenschaftliches Konstrukt verstanden und fokussiert das Wissen, die Motivation und Kompetenzen von Menschen, mit Gesundheitsinformationen umzugehen zu können, um im Alltag in den Bereichen Krankheitsbewältigung, Krankheitsprävention und Gesundheitsförderung Urteile fällen und Entscheidungen treffen zu können [1]. Nach Sørensen, K. et al. (2012) stehen dabei die Kompetenzen im Vordergrund, Gesundheitsinformationen

  • zu finden und zu erschließen
  • zu verstehen
  • zu beurteilen und
  • zu kommunizieren und für die eigene Gesundheit zu nutzen und anzuwenden.

Durch diese Kompetenzen werden Individuen befähigt, sich im Gesundheitssystem selbstbestimmt bewegen zu können [2].  

In Europa und Deutschland herrschte lange Zeit eher sporadisches Interesse an dem Begriff, dies hat sich jedoch u.a. mit dem Europäischen Health Literacy Survey (HLS- EU) von 2012, an dem sich auch Nordrhein-Westfalen als deutscher Vertreter beteiligte, geändert. Mit dem HLS-EU wurden erstmals repräsentative Daten über die Gesundheitskompetenz in acht europäischen Ländern vorlegt. Dabei zeigte sich, dass das Niveau der subjektiv eingeschätzten Gesundheitskompetenz in Deutschland im Vergleich mit den anderen Ländern eher unterdurchschnittlich ist. Knapp 44% der Befragten weisen demnach ein problematisches, fast 10% ein inadäquates Niveau auf. Insgesamt verfügen daher über 54% oder knapp 40 Millionen Bürger in Deutschland nur über eine eingeschränkte Gesundheitskompetenz [3]. Auffällig bei den Ergebnissen ist, dass teils große sozioökonomische und demographische Unterschiede zwischen den Bevölkerungsschichten bestehen. So weisen ältere Menschen, Personen mit einem niedrigen sozialen Status und/oder Bildungsniveau sowie Menschen mit Migrationsunterschied geringere Werte als die Allgemeinbevölkerung in Bezug auf die Health Literacy auf. Bei den Befragten ab 65 Jahren etwa verfügen knapp zwei Drittel über ein problematisches oder inadäquates Health Literacy-Niveau. Dieses Ergebnis ist besonders relevant, da ältere Menschen eher an (mehreren) chronischen Erkrankungen leiden und daher geringe Ressourcen in Bezug auf das Selbstmanagement der eigenen Gesundheit hier besonders nachteilig wirken. Forschungen und Maßnahmen zur Förderung der Gesundheitskompetenz müssen daher auch immer zielgruppenspezifisch verstanden werden und erfolgen [4].

Eine unzureichende Gesundheitskompetenz ist dabei nicht nur einfach ein interessanter Forschungsbereich für Gesundheitswissenschaftler und Mediziner. Vielmehr gibt es einen Zusammenhang zwischen einer geringen Gesundheitskompetenz, dem Gesundheitsverhalten, der Nutzung gesundheitsbezogener Dienstleistungen und nicht zuletzt dem eigenen Gesundheitszustand. Personen mit niedrigerer Gesundheitskompetenz weisen häufiger einen schlechten Gesundheitszustand und nehmen häufiger gesundheitsbezogene Dienstleistungen (Krankenhausaufenthalte, Medikamente, Arztbesuche etc.) in Anspruch. Daher ist eine niedrige Health Literacy keineswegs nur ein individuelles Problem, sondern vielmehr eine Herausforderung für die gesundheitliche Chancengleichheit und das Gesundheitssystem (nicht nur) in Deutschland [5] [6].  

Die oben genannten Ergebnisse waren sicherlich mit einer der Gründe für die Initiierung des „Nationalen Aktionsplans Gesundheitskompetenz“, der in Form eines wissenschaftlichen Leitfadens unter der Schirmherrschaft des Bundesministeriums für Gesundheit Anfang 2018 veröffentlicht wurde. Der Plan enthält 15 Empfehlungen, die darauf abzielen sollen, die individuelle Gesundheitskompetenz zu stärken und das Gesundheitssystem gerechter und nutzerfreundlicher zu gestalten [7]. Die Autoren betonen dabei, dass die Förderung der Gesundheitskompetenz auf individueller und Systemebene immer wichtiger werde, insbesondere angesichts der in Abb. 1 aufgeführten Entwicklungen.

Abbildung 1: Herausforderungen für die Gesundheitskompetenz
Eigene Darstellung (2018) in Anlehnung an [8].  

Wie die Abbildung deutlich macht, wird die Gesundheitskompetenz der Gesellschaft und jedes einzelnen durch soziale, technische, kulturelle, ökonomische und kulturelle Entwicklungen herausgefordert, wobei diese natürlich den einen mehr, den anderen weniger betreffen. Diese beeinflussen sich auch durchaus gegenseitig. So kann etwa das zunehmende (digitale) Informationsangebot Menschen den Zugang zu Informationen über Anbieter von Gesundheitsdienstleistungen (bspw. Beratungsstellen) erleichtern und sie so in ihrer „Mündigkeit“ unterstützen.

Überhaupt nimmt die zunehmende Verfügbarkeit von gesundheitsrelevanten Informationen in (digitalen) Medien eine wichtige Rolle in der Auseinandersetzung um die (richtige) Förderung von systemischer und individueller Health Literacy ein. Nicht umsonst geht der Aktionsplan Gesundheitskompetenz an mehreren Stellen auf dieses Thema ein. Die Autoren merken an, dass durch die Digitalisierung der Zugang zu Informationen niedrigschwelliger geworden sei, mehr und vielfältigere Informationsquellen, -kanäle und -medien verfügbar seien und auf der anderen Seite konventionelle Behandlungs- und Interaktionsstrukturen im Gesundheitswesen zunehmend digitalisiert würden [9].  

 

(Digitale) Informationsquellen zu Gesundheitsthemen und ihre Nutzung

Mehr Quantität bedeutet natürlich nicht automatisch mehr Qualität. Denn mit der zunehmenden Informationsfülle hat auch die Unübersichtlichkeit zugenommen. Informationen kommen aus ganz unterschiedlichen Quellen. Apps, Ratgeberseiten, Online-Communities oder -Selbsthilfegruppen, Expertenchats oder Bewertungsportale für Praxen und Krankenhäuser stellen nur einen Teil möglicher Informationsquellen dar, die als mehr oder weniger hilfreich und seriös einzustufen sind. Einige sind qualitativ sogar recht fragwürdig und verbreiten Fehl- und Falschinformationen oder verfolgen das Interesse, eigene Einstellungen ohne jede weitere Einordnung zu verbreiten (bspw. Kampagnen von Impfgegnern).

Nichtsdestotrotz bleibt zunächst einmal festzuhalten, dass es im Vergleich zu früher ein recht großes und vielfältiges Angebot gibt. Dies bietet auch mehr Möglichkeiten, verschiedene Instrumente miteinander zu kombinieren und die Interaktion mit unterschiedlichen Zielgruppen spezifischer zu gestalten. Daher lohnt zunächst ein Blick auf die verschiedenen Online-Angebote, die durch unterschiedliche Interaktionsgrade, Anbieter, Interessen, Qualitätsniveaus und Adressaten gekennzeichnet sind.

Gitlow, S. (2000) klassifiziert das Feld der Online-Gesundheitsinformationen wie folgt, wobei immer auch Hybridformen möglich sind und angeboten werden:

  • Health Content: Hierbei handelt es sich um Angebote im Netz, die Informationen und Wissen über Gesundheit und Krankheit zur Verfügung stellen. Es handelt sich hierbei meist um Gesundheitswebseiten, die interessierte Nutzer allgemein oder krankheitsspezifisch informieren. Gesundheitswebseiten werden teils auch redaktionell, bspw. von Journalisten, Betroffenen oder auch Medizinern, betreut und fokussieren insbesondere die Vermittlung von gesundheitsrelevanten Informationen. Sie sind vorrangig einseitig ausgerichtet, d.h. dass direkte Rückmeldungen von Nutzern, bspw. in Form von Kommentaren oder Fragen, eher im Hintergrund stehen. Neben medizinischen Informationen liefern sie teils auch Adressen und Kontaktdaten, etwa zu Anbietern von Gesundheitsleistungen (z.B. Kliniken, Beratungsstellen, regional tätige Selbsthilfegruppen etc.)
  • Health Community: Diese Communities oder sozialen Netzwerke im Internet stellen gewissermaßen virtuelle Gemeinschaften dar und dienen dem Austausch über Gesundheitsthemen. Der Austausch findet häufig in Form von sog. Foren statt, in denen sich Patienten und Angehörige bzw. medizinische Laien untereinander austauschen, mitunter auch anonym. Teils werden auch Gesundheitsexperten (Ärzte, Physiotherapeuten, Hebammen etc.) in die Diskussion miteinbezogen bzw. stehen als Ansprechpartner für Fragen oder als Moderatoren für die Diskussionen zur Verfügung. Die Communities werden häufig zu spezifischen Gesundheitsfragen angeboten, bspw. zu seltenen oder chronischen Erkrankungen. Es gibt jedoch auch allgemeine Portale im Netz, die keinen speziellen Fokus auf das Thema Gesundheit legen, jedoch eine entsprechende Plattform für den Austausch bereitstellen.
  • Health Provision: Diese Form zielt auf einen direkten, internetgestützten Kontakt zwischen Patienten sowie Bürgern und Leistungserbringern, um sich zu einem bestimmten Thema austauschen und unmittelbar Rückmeldungen geben und erhalten zu können. Dies geschieht etwa in Form von E-Mail-Kommunikation zwischen Ärzten und Patienten oder in Form von Chats zu bestimmten Gesundheitsthemen. Ebenso ist aber auch die Einbeziehung von Audio-Videokonferenzen denkbar bzw. wird praktiziert [10] [11].

Die Angebote stoßen dabei durchaus auf ein breites Interesse in der Bevölkerung. Dies ist nicht verwunderlich, macht das Thema Gesundheit und Gesundheitserhaltung doch einen wichtigen Teil unseres (Alltags-)Lebens aus. So gaben in einer im „Gesundheitsmonitor 2015“ veröffentlichten Studie knapp 90% der Befragten an, sich im letzten Jahr über Gesundheitsthemen informiert zu haben. Die Befragten gaben dabei unterschiedliche Quellen an, mit 56% und 55% waren dabei Gespräche mit Ärzten, Therapeuten und Pflegekräften bzw. Zeitschriften/Broschüren von Apotheken und Krankenkassen die beiden wichtigsten Informationsquellen. Das Internet wurde von 38% der Befragten als Quelle benannt. Damit zeigt es momentan noch einen mittleren Stellenwert, wenngleich diesem Medium wachsende Bedeutung zugesprochen wird, da es eine Informationssuche sowohl in der Breite als auch in der Tiefe erlaubt. Dies gilt sowohl für gesunde und an Gesundheit interessierte Menschen als auch für chronisch kranke Personen oder für Menschen mit einer seltenen oder tabuisierten Krankheit (z.B. psychiatrische Krankheitsbilder) [12]. Auffällig ist dabei, dass es wie auch in Bezug auf die allgemeine Gesundheitskompetenz Unterschiede im Nutzungsverhalten aufgrund von Alter und sozialem Status gibt. Baumann, E., Czerwinski, F. (2015) schlussfolgern, dass der sozioökonomische Status ein hochsignifikanter Prädikator für die Erklärung der gesundheitsbezogenen Internetnutzung ist. Ebenso wirkt sich das Alter der Befragten signifikant auf die Internetnutzung in Bezug auf Gesundheitsthemen aus. Mit zunehmenden Alter sinkt demnach die Chance, gesundheitsbezogene Informationen online zu suchen [13].   

Kubicek, H. und Lippa, B. (2017) bestätigen in ihrer Untersuchung grundsätzlich diese Tendenz und heben hervor, dass knapp 30% der Personen über 65 Jahren Informationen über Gesundheitsthemen im Internet suchen. Andere Studien hingegen weisen eine deutlich höhere Nutzungsrate auch bei Menschen über 65 Jahren aus (z.B. die BITKOM (2015) mit 68%). Unabhängig der konkreten Prozentzahlen zur Nutzung bzw. ungeachtet der momentan noch wohl eher durchschnittlichen Bedeutung des Internets für Personen im höheren Lebensalter werden online-basierte Gesundheitsinformationen gerade für diese Zielgruppe als besonders interessant angesehen. Mit höherem Lebensalter der eigenen Person bzw. von Angehörigen steigt auch das Risiko, an (chronischen) Krankheiten zu leiden oder pflegebedürftig zu werden, so dass hier von einem erhöhten Informationsbedarf ausgegangen werden kann. So kann das Internet helfen, die Selbstständigkeit zu erhalten und zu erhöhen, als Ratgeber für alle gesundheitsrelevanten Fragestellungen dienen und helfen, das eigene Wissen zu erweitern [14]. Ein Beispiel stellen etwa Plattformen dar, die medizinischen Laien Fachbegriffe verständlich erklären und medizinische Befunde erklären. Ein prominentes Beispiel ist hier sicherlich die Webseite „Was hab‘ ich?“ aus Dresden, auf der Medizinstudenten auf freiwilliger und kostenfreier Basis Befunde laienverständlich erklären [15].  

Angesichts der Chancen, welche das Internet bzw. Online-Medien für Personen verschiedener Altersgruppen im Sinne eines Wissen- und Kompetenzzuwachses bieten, müssen Forschung und Praxis darüber diskutieren, wie ein niedrigschwelliger, benutzerfreundlicher und gleichberechtigter Zugang zu Gesundheitsinformationen im Netz gestaltet werden kann und wie insbesondere Qualität und Seriosität angesichts der Fülle an Informationen gesichert werden können.

 

Mehr Gesundheitskompetenz durch digitale Medien?!
Chancen und Risiken digitaler Gesundheitsinformationen

Vor dem Hintergrund einer des breiten Informationsangebotes stellt sich die Frage, wie medizinischen Laien (und teils auch Ärzte und Gesundheitsfachkräfte) die Informationen beurteilen und einordnen können. Zu einem kompetenten Umgang mit den Online-Medien gehört es, Informationen filtern zu können, potenzielle Interessen und Interessenkonflikte bei den Anbietern erkennen zu können, Alternativen zu bewerten und einzuschätzen und das Angebot kritisch zu beurteilen. Über diese Fähigkeiten verfügen jedoch längst nicht alle Menschen. So nutzen etwa 30% der Personen mit zumindest ausreichender Kompetenz das Internet als Informationsquelle, wohingegen nur jeder Fünfte mit eingeschränkter Gesundheitskompetenz online nach relevanten Informationen sucht. Es ist zu vermuten, dass es letzteren an ausreichender „eHealth Literacy“ fehlt, also an der Fähigkeit, mit Online-Gesundheitsinformationen umgehen zu können. Mit der zunehmenden Anzahl an Gesundheitsinformationen und einer voranschreitenden Digitalisierung gesundheitsbezogener Services wird daher dem Thema des Informationsverhaltens im Internet künftig eine höhere Bedeutung zukommen. Dies gilt insbesondere auch vor dem Hintergrund zunehmender Erwartungen an den „mündigen Patienten“ bzw. an die Eigenverantwortung und Entscheidungskompetenz des Einzelnen [16].

Die zunehmende Verfügbarkeit von digitalen Gesundheitsinformationen bietet dabei mehr Möglichkeiten als konventionelle Medien, die Patienten in Bezug auf eigene Gesundheitsentscheidungen zu stärken. So sind einerseits Interaktionen und (zeitnahe) Rückmeldungen von anderen Betroffenen oder Experten leichter oder überhaupt erst möglich. Zudem bietet die Anonymität im Netz die Chance, eher Zugang zu Informationen über schwierige oder tabuisierte Gesundheitsthemen zu erhalten und vielleicht erste Schritte in Bezug auf eine Therapie zu unternehmen.

Interessant ist auch die Möglichkeit, online verschiedene Medien zu kombinieren und Ratgeber- bzw. Informationswebseiten mit Videos, Foren, Expertenchats oder videogestützten Beratungsservices zu ergänzen. Das jeweilige Online-Angebote kann natürlich auch mit analogen Instrumenten wie Informationsbroschüren oder Zeitschriften ergänzt werden. Auf diese Art und Weise kann ein Thema für unterschiedliche Gruppen jeweils spezifisch aufbereitet werden und, bspw. durch Videos von Betroffenen, eine stärkere Sensibilisierung erreicht werden. Ein Beispiel für solch ein Vorgehen stellt bspw. das Angebot www.rauchfrei-info.de der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) da. Auf der Seite werden nicht nur allgemeine Informationen und Tipps rund um das Thema Rauchen und Rauchstopp gegeben, es stehen ebenso

  • interaktive Tools (z.B. ein Ersparnisrechner: Zehn Zigaretten am Tag seit fünfzehn Jahren bedeuten Ausgaben von knapp 14.800 Euro, was dem Wert eines neuen Kleinwagens entspricht)
  • ein Forum zum Austausch und zur gegenseitigen Motivation, unterstützt durch Rauchfrei-Lotsen (Menschen, die es geschafft haben, mit dem Rauchen aufzuhören) als Ansprechpartner
  • ein kostenfreier E-Mail-Coach
  • Audiobeiträge und
  • ein professionell geleitetes Ausstiegsprogramm

zur Verfügung. Die Informationen sind daneben auch in „Leichter Sprache“ sowie in Gebärdensprache verfügbar [17].  

Das Thema der Risikokommunikation ist ebenfalls eng mit dem Thema Online-Gesundheitsinformationen verknüpft. Die gesundheitsbezogene Risikokommunikation hat sich von einer eher statischen, eindimensionalen und analogen zu einer dynamischen, multidirektionalen Risikokommunikation, in der Konsumenten eine aktive Rolle einnehmen, entwickelt. Eine gute Risikokommunikation informiert dabei nicht nur über den Schadensfall an sich, sondern kann auch gleich Maßnahmen zur Schadensvermeidung oder -begrenzung darstellen. Die Online-basierte Risikokommunikation erreicht dabei häufig eine breitere Aufmerksamkeit bzw. eine höhere Reichweite. Statistiken von Suchanfragen im Internet liefern rasch ein Bild über die Themen, welche die Bürger in Bezug auf ihre Gesundheit aktuell beschäftigen. Durch das Internet ist zudem eine schnellere Verbreitung von Informationen zu akuten Krisen (etwa Epidemien, Unfällen mit bspw. dem Austritt von gesundheitsgefährdenden Stoffen usw.) möglich [18].  

Aber auch Angebote, die sich mit bekannten Gesundheitsthemen wie dem Rauchen beschäftigen, erzielen zügiger eine hohe Reichweite. So haben bspw. die Centers for Disease Control und Prevention (CDC) in den USA mit ihrer breit angelegten Kampagne „Tips from former Smokers“, die sowohl in traditionellen Medien als auch über verschiedene digitale Kanäle (YouTube, Twitter etc.) zu sehen war, knapp 80% der Raucher in den USA erreicht [19].  

Gerade in Bezug auf die Risikokommunikation im Netz kommt das Thema jedoch auch schnell auf die Vertrauenswürdigkeit von Gesundheitsinformationen zu sprechen. Inwiefern Bürger und Patienten auch relevante Suchergebnisse erhalten, ist von verschiedenen Aspekten abhängig, u.a. von der Gestaltung der Online-Angebote, von der persönlichen Situation (z.B. neu diagnostiziert oder bereits seit längerem erfahren in der eigenen Erkrankung) sowie von persönlichen Erwartungen (bspw. die Hoffnung, durch die Online-Recherche einen Arztbesuch vermeiden zu können). Aber alleine die eigenständige digitale Beschäftigung mit Gesundheitsthemen kann dazu beitragen, dass Patienten selbstbewusster werden [20].

Nichtsdestotrotz bedeuten hohe Nutzungsraten nicht gleich einen hohen Nutzwert. Denn die Vielfalt an Gesundheitsinformationen im Netz führt auch zur Notwendigkeit, sich in Wissenschaft und Praxis mit dem Thema der Qualitätsbeurteilung zu beschäftigen. Natürlich ist das Thema der Qualitätsbeurteilung und Seriosität von Gesundheitsinformationen kein reines Problem des Internets – es sei an dieser Stelle nur auf diverse, als neutrale Krankheitsinformation versteckte Anzeigen für Medikamente in diversen Illustrierten erinnert. Dennoch spielen Qualitätsaspekte im Internet noch einmal eine besondere Rolle. Im Internet sind professionell und hochwertige Informations- bzw. Beratungsangebote zu Gesundheitsthemen direkt neben nicht-professionellen und für medizinische Laien eher schwer zu beurteilenden Webseiten zu finden. Für Nutzer mit (eher) geringer Informations- und Medienkompetenz kann es schwer sein, die Qualität der Gesundheitsinformationen für sich selbst zu bewerten. Zudem prüfen auch viele Nutzer gar nicht, wer bspw. im Impressum steht oder ob auch wirtschaftliche Interessen bei der Bereitstellung des Angebots im Spiel sein könnten. Die teils eher geringe kritische Auseinandersetzung mit online-basierten Gesundheitsinformationen kann mitunter dann zu Konsequenzen führen, wenn bspw. Therapievorschläge von Ärzten oder Gesundheitsfachkräften in der Folge nicht eingehalten werden oder eigenständig Therapien ohne weitere Absprache durchgeführt werden (z.B. die Einnahme bestimmter, online bestellter Arzneimittel). In letzter Konsequenz kann dies schwerwiegende Folgen für die eigene Gesundheit haben [21].

 

Ein nationales Gesundheitsportal als Lösung?

Initiativen für mehr Qualität von onlinebasierten Gesundheitsinformationen

Im Sinne einer patientenorientierten Bereitstellung von Gesundheitsinformationen sind zielgruppen- und bedarfsgerecht aufbereitete Gesundheitsinformationen daher unerlässlich. Die Diskussion um Instrumente zur Qualitätssicherung hat in den letzten Jahren eine recht hohe Dynamik entwickelt. Verschiedene Initiativen bemühen sich, durch externe Qualitätskontrollen, die Aufstellung von Kriterien für gute Gesundheitsinformationen und die Vergabe von Zertifikaten etc. für Apps oder Gesundheitswebseiten für mehr Transparenz und Vertrauenswürdigkeit der Informationen zu sorgen. Die Qualitätssicherung kann dabei unterschiedliche Ansätze verfolgen:

  • Qualitätssicherung durch Anbieter:
    Im Rahmen eines Qualitätsmanagements (analog zu Qualitätsmanagementsystemen in Gesundheitseinrichtungen) bzw. einer Selbstverpflichtung der Hersteller bewerten Anbieter von Gesundheitsinformationen ihre zur Verfügung gestellten Gesundheitsinformationen eigenständig. Anbieter können von sich aus dazu beitragen, eine hohe Qualität anzubieten. Hierzu können etwa selbst aufgestellte Kriterien oder ein Verhaltens- oder Ehrenkodex eingesetzt werden. Entsprechende Kriterienkataloge oder Kodexe können selbst oder von anderen Organisationen entwickelt werden. Ein bekanntes Beispiel hierfür ist sicherlich der „HON Verhaltenskodex“ der Schweizer Nichtregierungsorganisation „Stiftung Health on the net“. Der „HON Code“ stellt gewissermaßen einen ethischen Verhaltenskodex für die Veröffentlichung von gesundheitsbezogenen Informationen im Internet dar. Der Verhaltenskodex fokussiert dabei Kriterien wie z.B. „Offenlegung der Finanzierung“, „Datenschutz“ oder „Sachverständigkeit der Autoren“. Entwickler bzw. Anbieter von Gesundheitswebseiten können bei der Stiftung einen Antrag auf Akkreditierung ihrer Webangebote einreichen, sofern sie denn die Richtlinien erfüllen [22] [23]. Eine andere Quelle zur Orientierung für Anbieter ist etwa das frei zugängliche und alle Arten von Gesundheitsinformation gedachte Positionspapier des Deutschen Netzwerks für Evidenzbasierte Medizin (EbM) e.V mit dem Titel „Gute Praxis Gesundheitsinformation“. Die Autoren fokussieren wichtige Kriterien „guter Gesundheitsinformationen“, wie z.B. die „Abgrenzung der Gesundheitsinformationen von offener oder verdeckter Werbung“ oder die „ausgewogene Darstellung des möglichen Nutzens und Schadens einer Intervention für jede Gesundheitsinformation“ [24].
  • Qualitätssicherung durch externe Kontrollen

Eine Qualitätssicherung durch externe Kontrollen kann unterschiedlich aussehen. Zu nennen sind hier als ausgeprägteste Form sicherlich staatliche Kontrollen mit u. U. gesetzlichen Sanktionierungen bei Verstößen, Missbrauch etc. Aufgrund der globalen Struktur des Internets und der hohen Dynamik ist es jedoch kaum möglich, Gesundheitsinformationen im Netz kontinuierlich zu kontrollieren. Eine weitere Möglichkeit für eine externe Qualitätsüberprüfung ist etwa der Webkatalog Medinfo (www.medinfo.de), der eine systematisch geordnete Sammlung von deutschsprachigen Webseiten und Links zu Medizin- und Gesundheitsthemen beinhaltet. Die Auswahl der Inhalte und die themenspezifische Zusammenstellung erfolgt anhand eines redaktionellen Begutachtungsprozesses. Patienten bzw. Nutzer erhalten trotz individueller Such- bzw. Recherchestrategien immer die gleiche Auswahl von relevanten, themenspezifischen Informationen. Als Infoleitsystem bietet der Webkatalog mittlerweile ausgewählte Internetquellen zu rund 4000 Themengebieten [23] [25].

  • Nutzerorientierte Strategien zur Qualitätssicherung

Neben der Qualitätskontrolle durch externe Partner bzw. durch die Anbieter selbst können auch die Nutzer eine wichtige Rolle bei der Qualitätssicherung einnehmen, denn letztlich sind sie es, die von den Angeboten profitieren wollen und sollen. Hier kommt das Konzept der „eHealth Literacy“ ins Spiel, also die Fähigkeit, Gesundheitsinformationen aus elektronischen bzw. digitalen Quellen zu suchen, zu finden, zu verstehen, zu bewerten und produktiv anwenden zu können, um eigene Gesundheitsprobleme zu erkennen und zu lösen [26].  

Es gibt bereits verschiedene Ansätze und Initiativen zur Qualitätssicherung von internetbasierten Gesundheitsinformationen. Dazu gehören in Deutschland auch staatliche bzw. länderspezifische Maßnahmen. Die Bundesländer etwa stellen bereits seit längerer Zeit entsprechende Informationsportale zu Gesundheitsthemen bereit. Hierzu gehört etwa das „Gesundheitsportal Hessen“ http://www.sozialnetz.de/ca/b/f/), welches neben grundlegenden Informationen zu Gesundheitsthemen auch insbesondere über wichtige Ansprechpartner und Beratungsstellen informieren soll und außerdem die regelmäßig erhobenen Statistiken und Gesundheitsberichte zu ausgewählten Themen (bspw. Seniorengesundheit, Pflege, Bevölkerungsentwicklung usw.) interessierten Bürgern zur Verfügung stellt [27].  

Im Auftrag des Bundesministeriums für Gesundheit soll das Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) ein öffentlich finanziertes „Nationales Gesundheitsportal“ bereitstellen. Im Februar 2018 wurde dazu der erste Konzeptentwurf veröffentlicht. Das Portal soll dabei ein zentrales Internetangebot und erste Anlaufstelle für Fragen rund um das Thema Gesundheit für alle Bürger in Deutschland werden. Auf Basis gemeinsamer Qualitätsstandards und mit Unterstützung von akkreditierten „Content-Partnern“, die ihre Inhalte auf einer kooperativen Plattform bereitstellen, sollen den Nutzern verlässliche Informationen zu Gesundheits- und Präventionsthemen angeboten werden.

Das Portal soll modular aufgebaut sein und u.a. folgende Module enthalten:

  • evidenzbasierte Gesundheitsinformationen
  • evidenzbasierte Präventionsangebote
  • Navigator zu persönlichen / telefonischen Beratungsangeboten
  • Navigator zu Kliniken, Ärzten, Pflegeeinrichtungen und anderen Angeboten der Gesundheitsversorgung
  • Erläuterungen der Strukturen des deutschen Gesundheitswesens
  • Navigator zu laufenden klinischen Studien
  • eventuell Bewertung aktueller Medienberichte

Das IQWIG merkt dazu an, dass insbesondere auch Menschen mit (eher) geringer Gesundheitskompetenz angesprochen werden sollen, um dieser Zielgruppe etwa den Zugang zu telefonischen oder persönlichen Beratungsangeboten zu vereinfachen. Andere Länder bieten bereits entsprechende, öffentlich finanzierte und „staatliche“ Webangebote an, die im Rahmen von Content-Partnerschaften Gesundheitsinformationen soz. zur Zweitnutzung durch die Bürger bereitstellen. Beispiele hierfür sind etwa  

Der Aufbau eines nationalen Gesundheitsportals wird zwar von vielen Seiten begrüßt, es gibt jedoch auch kritische Stimmen, die daran zweifeln, ob mit einem solch zentralen Internetangebot tatsächlich relevante Zielgruppen erreicht werden. Die Bertelsmann-Stiftung bewertet ein nationales Gesundheitsportal grundsätzlich positiv und als Fortschritt gegenüber dem „Status quo“, merkt jedoch in ihrem Blog „Der digitale Patient“ (www.der-digitale-Patient.de) auch kritische Punkte an. So betonen die Autoren, dass es bereits reichweitenstarke und qualitativ hochwertige Gesundheitswebseiten bzw. Portale gibt. Sowohl die reichweitenstarken kommerziellen Angebote als auch die Angebote des öffentlich-rechtlichen Rundfunks böten bereits gute Informationen an, so dass fraglich ist, ob ein neuer zentraler Ansatz zu rechtfertigen ist. Weiterhin merken die Autoren an, dass durch ein neues, zentrales Portal bisherige Marktlogiken der Internetrecherche nicht außer Kraft gesetzt werden. Patienten bzw. Bürger steuern demnach weniger gezielt bestimmte Gesundheitswebseiten an, sondern steigen bei ihrer Recherche nach Online-Gesundheitsinformationen in Suchmaschinen bzw. Google ein [29]. Viele Suchmaschinennutzer klicken dabei nur die ersten Treffer der Ergebnisliste an. Gute Gesundheitsinformationen müssen daher nicht nur seriös, sondern vor allem auch suchmaschinenoptimiert sein [30].  

Insbesondere jedoch suchten Patienten und Bürger nicht nur nach rationalen, neutralen Informationen. Vielmehr würden viele gezielt nach Informationen suchen, welche ihr Handeln oder ihre Einstellung – ob sie denn medizinisch zu rechtfertigen ist oder nicht – bestätigen. Zudem werde ein Nationales Gesundheitsportal nicht alleine den Anspruch erfüllen können, die Gesundheitskompetenz insbesondere von Bevölkerungsgruppen mit einer mangelnden (e)Health Literacy zu erhöhen. Hier brauche es vielmehr integrierte Ansätze, die Online-Informationen eher als Ergänzung zur persönlichen Informationsvermittlung durch Ärzte und Gesundheitsfachkräfte sehen [29].  

 

Ein vereinfachter Umgang mit Gesundheitsinformationen in den Medien

Strategien zur Steigerung der Medien- und Gesundheitskompetenz

Es stellt sich daher die Frage, durch welche Maßnahmen die eHealth Literacy (und allgemein Gesundheitskompetenz) auch außerhalb bzw. zusätzlich zur Implementierung eines Nationalen Gesundheitsprotals gefördert werden kann. Sicher ist an dieser Stelle, dass dies ein recht komplexes und längerfristiges Anliegen ist. Denn „eHealth Literacy“ besteht aus verschiedenen analytischen (blau) und kontextspezifischen (olivgrün) Komponenten (siehe Abb. 2), von dessen jedes für sich dazu beiträgt, mit digitalen Gesundheitsinformationen adäquat umgehen zu können. Letztlich besteht eHealth Literacy aus der Fähigkeit, mit Informationen verschiedener Art (Wissenschaft, Gesundheit etc.) selbstbestimmt umgehen zu können und zumindest über Grundfertigkeiten in den Bereichen Lesen und Rechnen, IT/Computer und Medien zu verfügen.

Abbildung 2: Komponenten der eHealth Literacy
Eigene Darstellung (2018) in Anlehnung an [31].  

Dies macht deutlich, dass eine Förderung der digitalen Gesundheitskompetenz an mehreren Stellen ansetzen muss. Sowohl der „Nationale Aktionsplan Gesundheitskompetenz“ als auch die Mitte 2018 erschiene Studie der Techniker Krankenkasse zur Gesundheitskompetenz u.a. schlagen verschiedene Maßnahmen vor, um die digitale Gesundheitskompetenz zu erhöhen. Die nachfolgende Tabelle 1 stellt einige wichtige Maßnahmen dar, wobei diese nicht abschließend sind und je nach Kontext und Umfeld eine mehr oder wenige große Bedeutung haben können.

EmpfehlungErläuterungMaßnahmen
Den Umgang mit Gesundheits-informationen in den Medien erleichternGesundheitsinformationen werden in immer größeren Maße über (digitale) Massenmedien und gesundheitsbezogene Apps verbreitet. Es gibt bislang nur wenige Möglichkeiten, sich einen Überblick über die Eignung der verschiedenen Angebote zu verschaffen - Systematische Aufklärungskampagnen zur Nutzung von sozialen Netzwerken und Gesundheits-Apps
- Verantwortliche in den Massenmedien für das Thema sensibilisieren und Kooperationen mit Akteuren des Gesundheitswesens sicherstellen
- Schaffung von Transparenz über das Angebot digitaler Informationen (über Zertifikate, Siegel etc.) [32].
Gesundheits-informationen nutzerfreundlich gestalten Gesundheitsinformationen in den Medien als auch in Packungsbeilagen für Arzneimittel etc. müssen so gestaltet sein, dass sie auch von Menschen mit geringer Gesundheitskompetenz verstanden werden. Unterschiedliche Nutzergruppen haben dabei unterschiedliche Bedürfnisse- Verbindliche Standards für die Erstellung von fundierten Patienteninformationen auf nationaler Ebene
- Berücksichtigung sprachlicher und kultureller Diversität
- Ergänzung digitaler Informationen durch persönliche, videogestützte und telefonische Beratungsgespräche
- Verfassung von Gesundheitsinformationen in Leichter Sprache
- Einbezug potenzieller Nutzer (z.B. aus der Selbsthilfe) in den Erstellungsprozess [33]
Förderung der digitalen Barrierefreiheit Barrierefreiheit ist eine Grundvoraussetzung für Inklusion und Teilhabe aller Nutzergruppen, auch im digitalen Bereich. Durch barrierefrei gestaltete Apps und Webseiten können Menschen mit Behinderungen stärker an der Digitalisierung partizipieren - Erstellung barrierefreier Apps und Webseiten, welche die Bedürfnisse unterschiedlicher Nutzergruppen (blinde und sehbeeinträchtigte Personen, gehörlose Nutzer, Menschen mit kognitiven Einschränkungen etc.) in Bezug auf Text, Bilder, Farbgestaltung, Kontraste etc. berücksichtigen
- Erstellung von Informationen in „Leichter Sprache“
- Frühzeitiger Einbezug von und kontinuierliche Evaluation durch Menschen mit Behinderungen bei der Erstellung digitaler Angebote
- Ergänzung des Informationsangebotes um Hilfestellungen zur Bedienung und Navigation der Apps und Webseiten (Tutorials, Benutzerhandbücher etc.)
- Finanzielle Förderung barrierefreier Angebote (siehe bspw. Förderkonzept der Aktion Mensch für barrierefreie Web- und App-Angebote) [34]
Stärkung der allgemeinen digitalen MedienkompetenzEin adäquater Umgang mit Informationen im Internet stellt eine Grundlage auch für Gesundheits-informationen im Netz dar. Nicht alle Personen verfügen jedoch über Erfahrungen im Umgang mit dem Web bzw. konnten dazu eine positive Einstellung entwickeln. Um einen „Digital Divide“, also einen ungleichen Zugang zu onlinebasierten Informationen und dem Internet, zu vermeiden, sollten weniger internetaffine Personen gezielt angesprochen und gefördert werden.- Ko-Kreation und Ko-Entwicklung von digitalen Gesundheitsangeboten, bspw. über regelmäßige Diskussionsrunden, um die wirklichen Bedürfnisse und Bedarfe dieser Gruppen herauszufiltern
- Kompetenzförderung bei Betroffenen, Angehörigen und Fachkräften bzw. Betreuungspersonen durch die Schaffung von „Lernerfahrungen“ und Möglichkeiten zum Kompetenzerwerb, bspw. in Form von Kursen in (möglichst homogenen) Kleingruppen
- Angebot von schriftlichem Begleitmaterial zum Nachlesen des Erlernten zu Hause
- „Online-Sprechstunden“ und organisierte Gesprächsrunden zum regelmäßigen Austausch, möglichst geleitet durch einen bereits erfahrenen Nutzer aus der gleichen Gruppe [35]
Förderung von Aus- und Weiterbildung bei Ärzten, Gesundheits-fachkräften und Sozialarbeitern Ärzte und Fachkräfte im Gesundheits- und Sozialwesen sind wichtige (erste) Ansprechpartner, wenn es um Fragen zur Gesundheit geht. Sie können verlässliche Ratgeber sein, wenn es um die richtige Einordnung von onlinebasierte Gesundheitsinformationen geht. Es verfügen jedoch bei weitem noch nicht alle Ärzte und Fachkräfte über das notwendige Wissen und die Fähigkeit, um fundierte Empfehlungen in Bezug auf digitale Gesundheitsinformationen geben zu können. Eine Förderung von Wissen und Kompetenzen in diesem Bereich ist daher zentral. - Digitale Kommunikationslogiken in medizinische Aus- und Weiterbildung integrieren, z.B. über ein Curriculum „Digitale Arzt-Patient-Kommunikation“ bereits im Medizinstudium
- Einbezug von Fachgesellschaften in die Entwicklung von gesundheitsbezogenen Apps und gesundheitsbezogenen Informationsangeboten
- Etablierung von (reichweitenstarken) Online-Veranstaltungen für Ärzte, Pflegekräfte etc., die einen Marktüberblick sowie Hinweise zu verlässlichen Online-Gesundheitsinformationsquellen geben [36]

Fazit: Gesundheitskompetenz in Zeiten der Digitalisierung

Patienten, die gut über ihre Diagnose und Therapieoptionen informiert sind, können besser gemeinsame Entscheidungen mit ihren Ärzten oder Therapeuten treffen und sich leichter an die notwendige Therapie halten. Personen mit einer hohen Gesundheitskompetenz zeigen tendenziell eine höhere Gesundheit und agieren souveräner im Gesundheitswesen [37]. Die Einführung digitaler Angebote im Gesundheitswesen kann dazu beitragen, die Gesundheitskompetenz zu steigern. Der orts- und zeitunabhängige Zugriff auf (aktuelle) Gesundheitsinformationen, die Chance, sich „anonym“ über ggf. tabuisierte Krankheiten zu informieren und die Möglichkeit, verschiedene Medienformen (Text, Bilder, Videos, Podcasts, Chats, Foren, videogestützte Beratung etc.) miteinander zu kombinieren, sind nicht zu unterschätzende Vorteile gegenüber rein analogen Medien.

Der Zugang zu diesen digitalen Angeboten ist dabei jedoch keineswegs gleich. Verschiedene Personengruppen, bspw. Menschen mit Migrationshintergrund, ältere Personen oder Nutzer mit einem geringeren sozialen Status tun sich schwerer, verlässliche Gesundheitsinformationen im Netz zu finden. Um zur eigenen gesundheitlichen Situation passende Informationen zu finden, seriöse von unseriösen Angeboten zu unterscheiden und insbesondere auch kommerzielle Interessen hinter den Angeboten erkennen zu können, müssen die Nutzer medienkompetent sein. Das beinhaltet nicht nur den technischen Umfang mit Computer, Smartphones, Tabletts & Co., sondern vielmehr auch eine qualitative Medienkompetenz.

Damit alle an der Digitalisierung gleichberechtigt teilhaben und von den Vorteilen profitieren können, muss ein „Digital Divide“, also eine digitale Kluft oder Spaltung vermieden werden. Verschiedene Maßnahmen, z.B. die Förderung barrierefreier Web- und App-Angebote, die frühzeitige Einbeziehung von Betroffenen und ihren Angehörigen in die Gestaltung der Inhalte sowie die Schaffung reichweitenstarker Angebote sind nur einige Fördermaßnahmen. Auch die entsprechende Sensibilisierung bzw. Qualifizierung von Ärzten und Gesundheitsfachkräften nimmt eine wichtige Rolle ein. So ist etwa die Integration des Themas „Umgang mit digitalen Gesundheitsinformationen“ in das Medizinstudium eine Möglichkeit, dem ärztlichen Nachwuchs das Gebiet näher zu bringen. Aber auch bereits praktizierende Ärzte sind gefordert, dass Thema des informierten oder eben auch falsch informieren Patienten, welcher das Internet als „Zweitmeinungskompetenz“ nutzt, anzunehmen. Ärzte haben hier gewissermaßen eine Lotsenfunktion für maßgeschneiderte Patienteninformation [38]. Es handelt sich um eine Aufgabe, die weit oben auf der politischen Handlungsagenda angesiedelt werden sollte. Günter Jonitz, Präsident der Berliner Ärztekammer, formulierte es im Januar 2018 so: „Im 19. Jahrhun­dert war sauberes Wasser die wichtigste Ressource für Ge­sundheit, im 21. Jahrhundert ist es sauberes Wissen“ [37].  

 

Literaturverzeichnis

[1] Sørensen, K. et al.: (2012): Health literacy and public health. a systematic review and integration of definitions and models. BMC Public Health 12, 80, S. 3.

[2] Sørensen, K. et al.: (2012): Health literacy and public health. a systematic review and integration of definitions and models. BMC Public Health 12, 80, S. 10.

[3] Schaeffer, D. et al. (2016): Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland: Ergebnisbericht. Online verfügbar unter http://www.uni-bielefeld.de/gesundhw/ag6/downloads/Ergebnisbericht_HLS-GER.pdf, Zugriff am 03.07.2018, S. 39f.

[4] Schaeffer, D. et al. (2016): Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland: Ergebnisbericht. Online verfügbar unter http://www.uni-bielefeld.de/gesundhw/ag6/downloads/Ergebnisbericht_HLS-GER.pdf, Zugriff am 03.07.2018, S. 41ff.

[5] Schaeffer, D. et al. (Hrsg.) (2018): Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz. Die Gesundheitskompetenz in Deutschland stärken. KomPart, Berlin, S. 10.

[6] Schaeffer, D. et al. (2016): Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland: Ergebnisbericht. Online verfügbar unter http://www.uni-bielefeld.de/gesundhw/ag6/downloads/Ergebnisbericht_HLS-GER.pdf, Zugriff am 03.07.2018, S. 97.

[7] Schaeffer, D. et al. (Hrsg.) (2018): Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz. Die Gesundheitskompetenz in Deutschland stärken. KomPart, Berlin, S. 6.

[8] Schaeffer, D. et al. (Hrsg.) (2018): Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz. Die Gesundheitskompetenz in Deutschland stärken. KomPart, Berlin, S. 17.

[9] Schaeffer, D. et al. (Hrsg.) (2018): Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz. Die Gesundheitskompetenz in Deutschland stärken. KomPart, Berlin, S. 20.

[10] Baumann, E., Link, E. (2016):  Onlinebasierte Gesundheitskommunikation: Nutzung und Austausch von Gesundheitsinformationen über das Internet. In: Fischer, F., Krämer, A. (Hrsg.) (2016): eHealth in Deutschland: Anforderungen und Potenziale innovativer Versorgungsstrukturen. Springer, Berlin Heidelberg, S. 387f.

[11] Gitlow S (2000) The online community as a healthcare resource. In: Nash, DB et al. (Hrsg.) (2000): Connecting with the new healthcare consumer. Defining your strategy.McGraw-Hill, New York, S. 117ff.

[12] Baumann E., Czerwinski F. (2015) Erst mal Doktor Google fragen? Nutzung neuer Medien zur Information und zum Austausch über Gesundheitsthemen. In: Böcken J, Braun B, Meierjürgen, R (Hrsg.) (2015): Gesundheitsmonitor 2015. Bürgerorientierung im Gesundheitswesen. Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh, S. 62f.

[13] Baumann E., Czerwinski F. (2015) Erst mal Doktor Google fragen? Nutzung neuer Medien zur Information und zum Austausch über Gesundheitsthemen. In: Böcken J. et al. (Hrsg.) (2015): Gesundheitsmonitor 2015. Bürgerorientierung im Gesundheitswesen. Verlag Bertelsmann Stiftung, Gütersloh, S. 66ff.

[14] Kubicek, H., Lippa, B. (2017): Nutzung und Nutzen des Internets im Alter: Empirische Befunde zur Alterslücke und Empfehlungen für eine responsive Digitalisierungspolitik. Vistas, Leipzig S. 111f.

[15] Was hab‘ ich?“ gemeinnützige GmbH (Hrsg.) (2018): Was hab‘ ich?: Medizinische Befunde kostenlos übersetzen. Online verfügbar unter https://washabich.de/. Zuletzt geprüft am 09.07.2018.

[16] Schaeffer, D. et al. (2016): Gesundheitskompetenz der Bevölkerung in Deutschland: Ergebnisbericht. Online verfügbar unter http://www.uni-bielefeld.de/gesundhw/ag6/downloads/Ergebnisbericht_HLS-GER.pdf, Zugriff am 03.07.2018, S. 66f.

[17] Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BzgA) (Hrsg.) (o. J.): Werden Sie rauchfrei! Online verfügbar unter https://www.rauchfrei-info.de//. Zuletzt geprüft am 02.07.2018.

[18] Gamp, M. et al. (2016): Risikokommunikation im Internet. In: Fischer, F., Krämer, A. (Hrsg.) (2016): eHealth in Deutschland: Anforderungen und Potenziale innovativer Versorgungsstrukturen. Springer, Berlin Heidelberg, S. 422f.

[19] Gamp, M. et al. (2016): Risikokommunikation im Internet. In: Fischer, F., Krämer, A. (Hrsg.) (2016): eHealth in Deutschland: Anforderungen und Potenziale innovativer Versorgungsstrukturen. Springer, Berlin Heidelberg, S. 425.

[20] Fuchs, D., Jäpel, S. (2015): Arzt-Patienten-Dialog: Digital und diskussionsfreudig. In: Healthcare Marketing, 07/2015, S. 47.

[21] Fischer, F., Dockweiler, C. (2016): Qualität von onlinebasierter Gesundheitskommunikation. In: Fischer, F., Krämer, A. (Hrsg.) (2016): eHealth in Deutschland: Anforderungen und Potenziale innovativer Versorgungsstrukturen. Springer, Berlin Heidelberg, S. 408f.

[22] Stiftung Health on the Net (Hrsg.) (o. J.): Qualität und Vertrauenswürdigkeit von medizinischen und gesundheitsbezogenen Informationen im Internet. Online verfügbar unter https://www.hon.ch/HONcode/Webmasters/Visitor/visitor_de.html. Zuletzt geprüft am 02.07.2018.

[23] Fischer, F., Dockweiler, C. (2016): Qualität von onlinebasierter Gesundheitskommunikation. In: Fischer, F., Krämer, A. (Hrsg.) (2016): eHealth in Deutschland: Anforderungen und Potenziale innovativer Versorgungsstrukturen. Springer, Berlin Heidelberg, S. 410f.

[24] Deutsches Netzwerk für Evidenzbasierte Medizin (EbM) e.V. (Hrsg.) (2016): Gute Praxis Gesundheitsinformation: Ein Positionspapier des Deutschen Netzwerks Evidenzbasierte Medizin e.V., Version 2.0. Online verfügbar unter https://www.ebm-netzwerk.de/pdf/publikationen/gpgi.pdf/view. Zuletzt geprüft am 03.07.2018

[25] Hägele, M. (2018): Meta-Gesundheitsportal, Suchmaschine und Info-Leitsystem medinfo.de. Online verfügbar unter https://www.medinfo.de/Index.htm. Zuletzt geprüft am 10.07.2018.

[26] Norman, CD, Skinner, HA (2006): eHealth Literacy: Essential Skills for Consumer Health in a Networked World. In: J Med Internet Res 2006 | vol. 8 | iss. 2 | e9 |, S. 2ff.

[27] Hessisches Ministerium für Soziales und Integration (Hrsg.) (2018): Gesund in Hessen – Das hessische Gesundheitsportal. Online verfügbar unter http://www.sozialnetz.de/ca/b/f/. Zuletzt geprüft am 05.07.2018.

[28] Institut für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWIG) (Hrsg.) (2018): Konzept für ein nationales Gesundheitsportal. Online verfügbar unter https://www.iqwig.de/de/projekte-ergebnisse/projekte/gesundheitsinformation/p17-02-konzept-fuer-ein-nationales-gesundheitsportal.7849.html. Zuletzt geprüft am 04.07.2018.

[29] Schenk, U. et al (2018): 10 Thesen zum Plan eines Nationalen Gesundheitsportals. In: Bertelsmann-Stiftung (Hrsg.) (2018): Blog „Der Digitale Patient“. Online verfügbar unter https://blog.der-digitale-patient.de/10-thesen-nationales-gesundheitsportal/, Zugriff am 03.07.2018.

[30] Techniker Krankenkasse (Hrsg.) (2018): Homo Digivitalis: TK-Studie zur Digitalen Gesundheitskompetenz 2018. Online verfügbar unter https://www.tk.de/centaurus/servlet/contentblob/981906/Datei/87403/TK-Studienband-Digitale-Gesundheitskompetenz-Homo-Digivitalis-2018.pdf. Zuletzt geprüft am 02.07.2018, S. 21.

[31] Norman, CD, Skinner, HA (2006): eHealth Literacy: Essential Skills for Consumer Health in a Networked World. In: J Med Internet Res 2006 | vol. 8 | iss. 2 | e9 |, S. 3.

[32] Schaeffer, D. et al. (Hrsg.) (2018): Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz. Die Gesundheitskompetenz in Deutschland stärken. KomPart, Berlin, S. 36.

[33] Schaeffer, D. et al. (Hrsg.) (2018): Nationaler Aktionsplan Gesundheitskompetenz. Die Gesundheitskompetenz in Deutschland stärken. KomPart, Berlin, S. 42f.

[34] Aktion Mensch (Hrsg.) (2018): Einfach für Alle – Digitale Barrierefreiheit für mobile Arbeits- und Lebenswelten. Online verfügbar unter https://www.einfach-fuer-alle.de/blog/id/2796/. Zuletzt geprüft am 02.07.2018.

[35] Kubicek, H., Lippa, B. (2017): Nutzung und Nutzen des Internets im Alter: Empirische Befunde zur Alterslücke und Empfehlungen für eine responsive Digitalisierungspolitik. Vistas, Leipzig, S. 180ff.

[36] Bertelsmann-Stiftung (Hrsg.) (2017): Handlungsempfehlung #3: Digitale Kommunikationslogiken in medizinische Aus- und Weiterbildung integrieren – Curriculum „Digitale Arzt-Patient-Kommunikation“ etablieren. Online verfügbar unter https://blog.der-digitale-patient.de/handlungsempfehlung/3/.

[37] Techniker Krankenkasse (Hrsg.) (2018): Homo Digivitalis: TK-Studie zur Digitalen Gesundheitskompetenz 2018. Online verfügbar unter https://www.tk.de/centaurus/servlet/contentblob/981906/Datei/87403/TK-Studienband-Digitale-Gesundheitskompetenz-Homo-Digivitalis-2018.pdf. Zuletzt geprüft am 02.07.2018, S. 10.

[38] Deutsches Ärzteblatt (Hrsg.) (2018): Westfälischer Ärztetag: Digitalkompetenz für Ärzte stärken. Online verfügbar unter https://www.aerzteblatt.de/nachrichten/96330/Westfaelischer-Aerztetag-Digitalkompetenz-fuer-Aerzte-staerken. Zuletzt geprüft am 10.07.2018

Veronika Strotbaum

Veronika Strotbaum

Veronika Strotbaum, B.A. Gerontologie und M.A. Management im Gesundheitswesen, ist beim ZTG Zentrum für Telematik und Telemedizin GmbH für die Bereiche Telemedizin und Mobile Anwendungen zuständig. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind die Konzeption und Evaluation von digitalen Versorgungsmodellen sowie die Durchführung von Schulungen zur Telemedizin. Sie hat in verschiedenen Medien zu digitalen Gesundheitsanwendungen publiziert. Als Gerontologin ist sie besonders an der Frage interessiert, wie ältere Menschen Zugang zu neuen (Gesundheits-)Technologien erhalten können.