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Interactive Public Displays – Barrierefreie Aushanginformation im öffentlichen Personenverkehr

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Zum 01.01.2013 trat die Novelle des Personenbeförderungsgesetztes (PBefG)1 in Kraft. Damit verbunden ist unter anderem die Forderung zur Erreichung der „vollständigen Barrierefreiheit“ im öffentlichen Personenverkehr in Deutschland bis zum 01.01.2022.2 Dies hat nicht nur Konsequenzen für die Infrastruktur und die Fahrzeuge sondern auch auf die Gestaltung der Information für die Fahrgäste. Obwohl es bereits individuelle Fahrgastinformation als Smartphone-Applikationen barrierefrei gibt, ist die kollektive Fahrgastinformation an den Haltestellen des öffentlichen Personenverkehrs vor allem durch Aushanginformationen in Papierform geprägt. Diese Aushänge mit Fahrplänen, Liniennetzplänen, Tarifen und weiteren Beförderungsbedingungen stellen hinsichtlich der Barrierefreiheit vor allem folgende Herausforderungen dar:

  • Erreichbarkeit: Die statische Aufhängung der Papieraushänge in der Augenhöhe stehender Personen erschwert Personen mit einer niedrigeren Augenhöhe, z.B. Rollstuhlfahrern, die Sicht auf die Information.
  • Erkennbarkeit: Die durch den Ausdruck festgelegte Größe und Farbe der Information bietet für Personen mit eingeschränkten Sehfähigkeiten ein zu geringes Größen- oder Kontrastverhältnis, das durch Schutzfolien oder Verglasungen zusätzlich verschlechtert wird.
  • Nutzbarkeit: Die papierbasierte Aushanginformation bietet nur eine begrenzte Informationstiefe und -aktualität, die den wachsenden Ansprüchen der Zielgruppen, beispielsweise Echtzeitinformationen zur Funktion von Aufzügen, Erklärungstexte bei Störungen oder Mehrsprachigkeit, nicht mehr gerecht werden können.

 

Von der Idee zur papierlosen Haltestelle

Zur Verbesserung dieser Aspekte der Barrierefreiheit sowie zu Erhöhung der Informationsqualität haben die Stuttgarter Straßenbahnen AG (SSB) bereits im Jahr 2010 begonnen interaktive Displays für die Fahrgastinformation zu testen. In den folgenden Jahren wurde das noch interne Projekt von allen betroffenen Unternehmensbereichen der SSB, wie Haltestelleninfrastruktur, IT und Fahrgastinformation, bereichsübergreifend weiterentwickelt. Im Rahmen zwei externer Studien der Agentur Siegmund3 und der Technischen Universität Ilmenau, Fachgebiet Medienproduktion4 wurden zudem die Anforderungen der Fahrgäste erhoben und ein ergonomisch hochwertiges Bedien- und Informationskonzept sowie User Interface Design nutzerzentriert iterativ entwickelt. Dafür wurden neben Experten-Workshops mit dem neu gegründeten Userkreis interessierter Verkehrsunternehmen auch Usability Tests mit verschiedenen Ausbaustufen des Konzepts mit insgesamt 23 Fahrgästen aller Nutzergruppen sowie Interviews mit Experten der Behindertenverbände, des Marketings sowie des Fahrgast-Service durchgeführt. Das entstandene Konzept zeichnete sich vor allem durch folgende Aspekte aus:

  • Hochformat: Die Anbringung des interaktiven Displays im Hochformat bietet nicht nur die Möglichkeit die Arbeits- und Sichtbereiche in der Standardhöhe ergonomisch effizient aufeinander abzustimmen, sondern auch einen barrierefreien Modus in der Bedienhöhe zwischen 0,80m- und 1,30m im unteren Bereich des Displays anzubieten.
  • Hilfsfunktionen: Die Aushanginformation wird durch eine Zoomfunktion sämtlicher Inhalte ergänzt und kann somit bei Bedarf sehr stark vergrößert werden. Die Orientierung in den Plänen wird zudem durch eine alphabetische Suchfunktion und die Möglichkeit zur Hervorhebung einzelner Linien erleichtert.
  • 2-Klick-Navigation: Eine einfache und übersichtliche Menüführung ermöglicht die Erreichbarkeit aller Basisinformationen innerhalb von maximal zwei Klicks. Das intuitive Bedienkonzept, welches durch Piktogramme unterstützt wird, reduziert nicht nur die Verweildauern vor den Displays, sondern eröffnet auch für kognitiv eingeschränkte Menschen einen besonders einfachen Zugang zur Informationsvermittlung.

Dieses Umsetzungskonzept wurde durch ein Betriebskonzept unter Berücksichtigung von Prozessen und Zuständigkeiten ergänzt und umgesetzt. Seit Oktober 2016 ist die Fahrgastinformation an der Haltestelle „Degerloch“ in Stuttgart vollständig papierlos und auf die elektronische Aushanginformation umgestellt. Insgesamt stehen an der Haltestelle acht interaktive Displays zur Verfügung. Fünf der Geräte stehen direkt im Wartebereich für die U-Bahn (s. Abbildung 1) und Stadtbahn. Drei weitere Geräte stehen jeweils in den Zugangsbereichen zu den Gleisen.

Abbildung 1: Interaktive Displays an der Haltestelle „Stuttgart, Degerloch“

Quelle: ST-VITRINEN Trautmann GmbH & Co. KG

 

Kundenzufriedenheit im ersten Betriebsjahr

Um die Nutzung der interaktiven Displays und deren Kundenakzeptanz zu analysieren wurden im Rahmen einer Studie der Technischen Universität Ilmenau, Fachgebiet Medienproduktion eine Logfile-Analyse über die ersten sechs Nutzungsmonate, eine Feldbeobachtung an mehreren Tagen sowie eine Online-Befragung durchgeführt. Die Befragung war über die Online-Kanäle der SSB und VVS erreichbar und thematisierte auch den barrierefreien Informationsmodus der interaktiven Displays. Insgesamt gaben neun der 116 befragten Personen mit Nutzungserfahrung an, dass sie den barrierefreien, abgesenkten Modus benötigen und bereits selbst genutzt haben (s. Abbildung 2). Diese neun Befragten setzten sich aus allen Altersgruppen zusammen. Keiner der Befragten nannte jedoch weitere Hinweise hinsichtlich des barrierefreien Modus. In der Tendenz war das Antwortverhalten dieser neun befragten Personen sehr positiv. So bewerteten sieben Nutzer (78 Prozent) die elektronische Aushanginformation im Gesamturteil mit „sehr gut“ und einer mit „gut“. Nur ein Nutzer gab keine Bewertung ab.

Abbildung 2: Anteil der Nutzungen im barrierefreien Modus

Ebenso positiv fielen die Ergebnisse zur Usability und User Experience der gesamten Anwendung aus. Besonders hervorzuhaben sind die Bereiche Einfachheit und Spaß, die von 83 bzw. 85 Prozent der Befragten positiv beantwortet wurden. In der Gesamtbeurteilung bewerteten 83 Prozent aller 155 Befragten die elektronische Aushanginformation positiv mit „gut“ oder „sehr gut“. Nur 7 Prozent der Befragten ziehen eine eher negative Bilanz.

 

Anforderungen der Barrierefreiheit

Um eine Bedienbarkeit des interaktiven Displays für alle Nutzer des ÖPV zu gewährleisten, ist es erforderlich, die Anforderungen an barrierefreie Ausstattungs- und Bedienelemente zu berücksichtigen. Dafür müssen die Kriterien der Erkennbarkeit, Erreichbarkeit und Nutzbarkeit für alle Nutzergruppen erfüllt werden. Die an der Haltestelle Stuttgart Degerloch getestete Pilotanwendung der elektronischen Aushanginformation beinhaltete folgende Verbesserungen hinsichtlich der Barrierefreiheit:

  • Erreichbarkeit: Aufgrund der Gestaltung der Geräte im Hochformat, ist insbesondere der untere Bereich für Kinder, kleine Menschen und Rollstuhlfahrer gut erreichbar. Die Funktion des „Absenkens“ verlagert nicht nur die Bedienung von der Bildschirm-Mitte nach unten, sondern auch den Informationsbereich von der oberen in die untere Bildschirmhälfte. Zudem sind alle Geräte unterfahrbar montiert, sodass der Touchscreen auch von Rollstuhlfahrern gut erreicht werden kann.
  • Erkennbarkeit: Durch die kontrastreichere Darstellung auf TFT-Monitoren sowie die Vergrößerungsmöglichkeit sämtlicher Inhalte wird eine Verbesserung der Lesbarkeit für seheingeschränkte Fahrgäste erreicht. Die endgültigen Leuchtdichten der Farben und die tatsächlichen Kontraste sind von der Bauart des Gerätes und dessen Standort abhängig und müssen dementsprechend eingestellt werden.
  • Nutzbarkeit: Eine intuitive Bedienung ermöglicht es auch kognitiv eingeschränkten Personen sich zwischen den Inhalten zu orientieren und durch Verlinkungen und Hervorhebungen Zusammenhänge einfacher zu erfassen. Die Touch-Bedienung, insbesondere die Gesten des Tippens, ist für eine einfache Bedienbarkeit besonders gut geeignet, da sie keine Kraftaufwendung oder besondere Geschicklichkeit erfordert.

Auf diese Weise bietet die elektronische Aushanginformation das Potenzial, um die Belange von Menschen mit körperlichen, sensorischen, sprachlichen und kognitiven Behinderungen besser zu berücksichtigen.

 
Ausblick und Fazit

Gunther Weipert, Leiter des Pilotprojekts „Papierlose Haltestelle“ der SSB, zieht nach dem ersten Betriebsjahr der interaktiven Displays ein positives Resümee: Das Feedback der Kunden war von Beginn an sehr positiv. Die Kunden sind auch von selbst und ohne Betreuung an den eVitrinen aktiv geworden. Die Technik läuft zuverlässig und mit geringem Wartungsaufwand.“ Chancen für die Weiterentwicklung der Barrierefreiheit der interaktiven Displays sieht Herr Weipert vor allem in der Invertierbarkeit der Informationen für Seheingeschränkte sowie der Integration einer Vorlese-Funktion.

Die Entwicklung der elektronischen Aushanginformation verbessert somit nicht nur die Barrierefreiheit der Fahrgastinformation, sondern schließt auch zwischen Smartphone-Applikationen, eTickets und dynamischen Fahrgastinformationsanzeigern die letzte Lücke der digitalen Fahrgastinformation in der Reisekette. Somit bildet die elektronische Aushanginformation die Grundlage für die zukünftige Erweiterung der Haltestellen des öffentlichen Personenverkehrs zu „Smart Stations“5 6, die die individuellen Mobilitäts- und Informationsbedürfnissen aller Nutzer unterstützen.

 

Fußnoten

1 Personenbeförderungsgesetz (PBefG) §8 Abs. 3, http://www.gesetze-im-internet.de/pbefg/ 1

2 Barrierefreiheit im ÖPNV – Hinweise für die Aufgabenträger zum Umgang mit der Zielbestimmung des PBefG. Ad-hoc-Arbeitsgruppe der BAG ÖPNV, 2014

3 VDV-Mitteilung 7029: Papierlose Aushanginformation an ÖPNV-Haltestellen, Verband Deutscher Verkehrsunternehmen, 2034

4 VDV-Mitteilung 7036: User Interface Design für die elektronische Aushanginformation, Verband Deutscher Verkehrsunternehmen, 2014

5 BMVI-Studie „smartStations – Die Haltestelle als Einstieg in die multimodale Mobilität“ http://mobilitaet21.de/wp-content/uploads/2018/02/700918_smartStation_Studie.pdf

6 BMVI-Projekt: Digitale Mobilität – Fahrzeug und Haltestelle (DIMO-FuH), https://www.tu-ilmenau.de/mt-mp/forschung/aktuelle-projekte/dimo-fuh/

 

  1. 03.2018
Cindy Mayas

Cindy Mayas

Dipl.-Medienwiss. Cindy Mayas arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Medienproduktion an der Technischen Universität Ilmenau. Nach Ihrem Studium der Angewandten Medienwissenschaft spezialisierte sie sich auf den Bereich der Usability Forschung. Seit 2010 unterstützt sie die nutzerorientierte Entwicklung in verschiedenen Forschungsprojekten, insbesondere zur Weiterentwicklung von Mobilitätsinformationen.

Heidi Krömker

Heidi Krömker

Prof. Dr. phil. Heidi Krömker hat eine Professur für „Medienproduktion" an der Technischen Universität Ilmenau mit den Forschungsschwerpunkten „Nutzerzentrierte Gestaltung neuer Medien“ und „Medienproduktionsprozesse“ inne und ist Leiterin des Instituts für Medientechnik an der Fakultät für Elektrotechnik und Informationstechnik. Zuvor leitete sie das Fachzentrum User Interface Design Center der Corporate Technology von Siemens von 1995 bis 2001. Nach ihrem Studium der Soziologie leitet sie verschiedene Projekte, wie “Usability im Softwareentwicklungsprozess”, Entwicklung von „Regeln zur Gestaltung von User Interfaces“ sowie die „Einführung des Usability Konzepts in dem Siemens Konzern“.