Wie denkt der kreative Mensch? Das ist eine von vielen zentralen Fragen der Kreativitäts- aber auch Innovationsforschung. Wer diese Frage beantworten kann ist wahrlich ein Glückskind – kein Problem bliebe ungelöst, keine kreative Aufgabe unbeantwortet. Tatsächlich bleibt der kreative Prozess eher ein Mysterium. Die Wissenschaft hat leider bisher noch keine Systematik offenlegen können, bislang gibt es lediglich Vermutungen über den Ablauf kreativer Prozesse, angefüttert durch Aussagen über Erlebnisse anerkannter Kreativer, darunter Persönlichkeiten der Wissenschaft und Künste.

Eine der ersten Ablaufmodelle kreativen Denkens stammt von Wallas [1], welcher sich wiederum aus Überlegungen von Helmholtz und Poincaré stützte. Das ursprünglich aus den vier Phasen (1) Vorbereitung (2) Inkubation (3) Illumination und (4) Verifikation  bestehende Modell wurde im Laufe der Zeit durch weitere Abschnitte erweitert, darunter auch die Problemidentifikation sowie die Ausarbeitung der Lösung [2]. Im Prinzip beginnt jeder kreative Prozess, sofern ein Problem identifiziert wurde, mit der umfangreichen Vorbereitung und Informationssuche. Ideen entstehen also nicht wirklich aus dem Nichts, sie basieren immer auf (Vor-)wissen. Und erst wenn dieses Wissen in einer neuartigen und nützlichen – sprich ‚kreativen‘ – Form zusammenkommt, ist eine Idee entstanden.

Für gewöhnlich ist es nun so, dass besonders bei komplexen und schwierigen Sachverhalten, eine Lösung auch durch harte, systematische Arbeit nicht immer greifbar ist. Es scheint, als würde gerade der logische, algorithmische Weg, den wir so gern bei der Lösung von Aufgaben, gehen wollen, uns davon abhalten, den richtigen Pfad zu finden. Gerade bei kreativen Aufgaben ist es aber nicht die eine Lösung die wir suchen, es gibt auch hier viele Wege die nach Rom führen. Mit Kreativitätstechniken kann eine Art Denkens abseits von gewohnten Pfaden bewusst imitiert werden. Doch gerade die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem kreativen Prozess zeigt, dass der eigentliche Kern des kreativen Prozesses, nämlich der, wo Gedanken, die auf (Vor-)wissen basieren in neuer Form zusammenkommen, eher unbewusst stattfindet. Die Forschung nennt diese Phase Inkubation, d.h. die unbewusste Auseinandersetzung mit dem Problem. Dieses wird erst einmal ‚zur Seite gelegt‘, der Kreative widmet sich anderen Aufgaben. Aber eben weil das Problem trotzdem irgendwie noch im Hinterkopf vor sich hin brodelt, setzt er sich damit unbeabsichtigt auseinander – und siehe da, ganz plötzlich ist er da, der Geistesblitz – eben wie eine Glühbirne, die sich wie von Geisterhand selbst entzündet. Jetzt kann sich der Kreative wieder an den Tisch setzen, die Idee ausarbeiten, überprüfen und überzeugend aufbereiten.

Bis heute scheint diese Einteilung wie in Gips gegossen; Widerstand regt sich nur mäßig und wenn, dann ist kaum ein hilfreicher Gegenvorschlag dabei. Kritisiert wird vor allem der Mix aus bewussten und unbewussten Phasen und die damit einhergehende Vagheit des Modellablaufs. Inkubation und Illumination sind als Phasen nicht greifbar, kaum nachvollziehbar, da auch in retrospektiven Berichten nur wenig über deren Verlauf zu berichten ist. Und trotzdem scheinen sie, mag man Erzählungen von Erfindern glauben, nicht wegzudenken. Steve Wozniak, Apple-Erfinder und Mitbegründer berichtete z.B. in einem Interview von Stern [3], dass er Computer- oder Schulprobleme in seiner Jugend im wahrsten Sinne im Schlaf löste:

„Sleep and think and think as I fell asleep, working the variables in my head, seeing the lines of code. And then I would wake up in the middle of the night sometimes and have a solution that would save one line of code in a program. And so I believe very much that your mind is working while you’re dreaming” (Wozniak zit. nach Stern 2012: 293).

Csikszentmihalyi [4] führte in den 1990ern eine Studie durch; 91 anerkannte Kreative aus diversen Bereichen, die in ihrer Domäne, sei es u.a. in Kultur, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik einen wichtigen Beitrag geleistet hatten, wurden interviewt. Die meisten der Interviewten berichteten von solchen Aha-Momenten, in denen sich Gedanken ‚unvermeidbar‘ zu Ideen verbanden. Auch in der modernen Form ausgelagerter Ideenentwicklung mittels Crowdsourcing sind Geistesblitze nicht fremd. Interviews mit insgesamt sieben Teilnehmern und Moderatoren auf den Online-Plattformen für komplexe Ideenentwicklung Innocentive und IdeaConnection haben gezeigt, dass unbewusste Prozesse bei der Lösungsfindung eine wichtige Rolle spielen. Offensichtlich kommen auch in der Online-Ideenentwicklung die Lösungen nicht vor dem Computer, sondern in anderer Umgebung, fernab vom Problem, wie auch andere Interviewte berichteten, z.B.:

“I think I was driving at that time when I certainly had this analogy to the problem and I realized that there was something totally disparate.”

“I went to bed saying I got to find a better way, so next year when I compete I blow them away and I should be first, and I woke up at 2 am with an idea […]. So I turned on the computer and from 2 to 9 in the morning wrote the background summary of the invention […]”

Wie genau sich diese Denkprozesse gestalten, konnte jedoch keiner der Interviewten genau beschreiben; ein Interviewter drückte es schlicht so aus: „I wish I knew. It just comes”.

Natürlich ist die Bilanz ernüchternd für all jene, die sich mehr Klarheit über den Verlauf kreativen Denkens erhoffen – der ‚wahre‘ Aha-Moment ist eben nicht durch Kreativitätstechniken imitierbar. Mit Systematik zum kreativen Produkt, zur Innovation – wie schön wäre das? Doch mal ehrlich, wie viel Systematik hat im kreativen Schaffen überhaupt Platz? Ob Wissenschaftler jemals hinter das Mysterium kommen werden? Wir dürfen gespannt sein und uns ggf. auf einen Innovationsboom freuen – ganz im Sinne ‚wer zuerst kommt, mahlt zuerst!‘

 


[1] Wallas, Graham (1926) The art of thought. Frome/London: Butler & Tanner LTD.

[2] Natürlich ist der Ablauf sequentieller Art nur als Modell zu verstehen; in Wahrheit handelt es sich um komplexe Abläufe mit vielen Iterationen, d.h. Schleifen, Schritten zurück, Rückkehr zum Problem, etc.

[3] Stern, B. (2012): Inventors at Work: The Minds and Motivation Behind Modern Inventions. New York: Apress.

[4] Csikszentmihalyi, M. (1997): Creativity: Flow and the Psychology of Discovery and Invention. New York.

Anja Solf

Anja Solf

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Medien- und Kommunikationsmanagement an der Technischen Universität Ilmenau.

Ihre kreative Ader lebt Anja nicht nur privat, sondern auch im Job aus: In Lehre und Forschung beschäftigt sie sich mit kreativen Prozessen in der Online-Ideengenerierung. Themen wie Crowdsourcing, Kundenintegration und User Innovation gehören zu ihren Schwerpunkten. Ansätze der Kreativitätsforschung in Kombination mit Theorien und Methoden der Soziologie und Sozialpsychologie helfen ihr, diese Konzepte zu entwirren und werfen im Gegenzug eine Menge Fragen auf: So z.B. warum Ideenwettbewerbe Erfolg versprechen, wenn sie Kreativität hemmen?
Anja Solf