Bereits seit dem Wintersemester 2010/2011 bieten wir am FG MKM einen Kurs im Bereich Entrepreneurship an. Wir arbeiten zwei Semester mit Studierenden der Angewandten Medien- und Kommunikationswissenschaft (BA, 3. und 4. FS) und versuchen sie in Teams von 4-6 Personen von „Keine Geschäftsidee, keine Ahnung“ zu einem ausgereiften Unternehmenskonzept zu begleiten. Aus unserer Perspektive geht es im Rahmen eines solchen Kurses um weitaus mehr als reine Wissensvermittlung im Bereich „How to write a business plan“. Unser Lehrkonzept zielt zum Beispiel vielmehr auf Persönlichkeitsentwicklung ab: Am Ende sollen die Studierenden weitaus reflektierter und fundierter die Frage für sich selbst beantworten können, ob zukünftig eine Karriere im eigenen Unternehmen für sie in Frage kommt, oder nicht.

Um dies zu erreichen arbeiten wir mit einer Kombination verschiedener Lehr-/Lernansätze in Orientierung an Neergard et al. (2012). Dabei integrieren wir die Prinzipien behavioristischen Lernens (Lernen von „Fakten“, z.B. im Bereich Entrepreneurship „Was ist ein Markt?“, „Wie führt man eine Marktstudie durch?“, „Wie schreibt man einen Business Plan?“), sozialen Lernens (Steigerung des eigenen Selbstbewusstseins, z.B. durch Lernen in simulierten Settings), situativen Lernens (Stimulieren von „gelebten“ Erfahrungen, z.B. durch Arbeit in Kontakt mit „echten“ Unternehmern), sowie existenziellen Lernens (Erinnerungen aktivieren und Reflexion anstoßen, z.B. durch Impulse und Reflection-Reports) (vgl. im Detail Neergard et al. 2012: 5).

Natürlich passt nicht das gesamte Lehrkonzept in einen Blogbeitrag, aber hier möchte ich gerne einmal eine Methode, mit der wir arbeiten, näher vorstellen. Wir arbeiten im Rahmen der beschriebenen Lehrveranstaltung Entrepreneurship seit dem aktuellen Jahrgang mit dem Instrument der Reflection‐Reports. Dabei kommen zwei Versionen zum Einsatz: Team‐Reflection‐Reports (TRR) und Self‐Reflection‐Reports (SRR). Was sind Reflection‐Reports? Der Begriff der Reflection‐Reports ist im Grunde genommen nicht ein einziger Begriff. Hier geht es um drei Komponenten, die näher erläutert werden müssen:

  • Zum ersten geht es um die Ebene des Bezugssystems: Im Rahmen der SRR geht es um die Reflexion des Selbst(konzepts), im Rahmen der TRR geht es um die Reflexion des Teams bzw. des Gruppen(konzepts).
  • Zum zweiten geht es um etwas, das hier als Reflexion bezeichnet wird.
  • Zum dritten geht es um eine Dokumentation, die hier als „report“ bezeichnet wird.

 

Self‐/Team‐: Abgrenzung von Selbst‐ und Gruppenkonzept
Reflection‐Reports setzen wir auf verschiedenen Bezugssystemebenen ein. Einmal geht es um die Studierenden individuell, um ihr „persönliches Profil“ (= individuelles Selbstkonzept einer Person). Einmal geht es um die Ebene ihrer Gruppenarbeit, d.h. der Teams (= gemeinsames Selbstkonzept einer Gruppe), im Rahmen derer sie ein Jahr lang ihre Geschäftskonzepte entwickeln. Beide Ebenen hängen natürlich miteinander zusammen. Schließlich bilden mehrere Personen, die ein jeweils individuelles Selbstkonzept haben, immer ein Team. Aber über diese individuelle Ebene hinaus entwickeln sich in Gruppen weitere Dynamiken. In Abgrenzung bedeutet dies also:

  • Individuelles Selbstkonzept einer Person: „Das individuelle Selbstkonzept einer Person umfasst die Gesamtheit aller bewussten, subjektiv wichtigen Vorstellungen, die eine Person von sich als reale oder ideale Person hat, einschließlich aller charakteristischen und subjektiv als wichtig eingeschätzten Ziele, Bedürfnisse, Merkmale und Entwicklungspotenziale sowie Normen und Regeln, an denen Sie sich orientiert oder anstrebt zu orientieren“ (Greif 2008, S.24).
  • Gemeinsames Selbstkonzept einer Gruppe: „Das gemeinsame Selbstkonzept einer Gruppe umfasst die Gesamtheit aller bewussten, subjektiv wichtigen Vorstellungen über die Gruppe als reale oder ideale Gruppe, die von den Gruppenmitgliedern kommuniziert und akzeptiert werden, einschließlich aller charakteristischen und subjektiv als wichtig eingeschätzten Ziele, Bedürfnisse, Merkmale und Entwicklungspotenziale sowie Normen und Regeln, an denen die Mitglieder sich orientieren oder anstreben zu orientieren“ (Greif 2008, S.32).

Self‐/Team‐Reflection (vgl. z.B. West 1996; Somech 2006; Greif 2008)
Reflektieren bedeutet so viel wie ein bewusstes Nachdenken (vgl. Greif 2008, S.35ff). Dies kann sich zunächst auf die eigene Person (Selbst) beziehen, aber auch auf eine Gruppe von Personen, ein Team (Gruppe):

  • Selbstreflexion: „Individuelle Selbstreflexion ist ein bewusster Prozess, bei dem eine Person ihre Vorstellungen oder Handlungen durchdenkt und expliziert, die sich auf ihr reales und ideales Selbstkonzept beziehen. Ergebnisorientiert ist die Selbstreflexion, wenn die Person dabei Folgerungen für künftige Handlungen oder Selbstreflexionen entwickelt“ (Greif 2008, S.40).
  • Teamreflexion: „Gruppenselbstreflexion ist ein Prozess, bei dem die Gruppenmitglieder über das Gruppenselbstkonzept oder über Handlungen von Gruppenmitgliedern und gemeinsame Handlungen sprechen, die sich auf ihr reales und ideales Gruppenselbstkonzept beziehen oder sich darüber nicht‐sprachlich verständigen. Ergebnisorientiert ist die Gruppenselbstreflexion dann, wenn die Gruppenmitglieder dabei Folgerungen für künftige Gruppenhandlungen oder Gruppenselbstreflexionen entwickeln“ (Greif 2008, S.42).

Selbstreflexion bedeutet in diesem Kontext also so etwas wie ein bewusster mentaler Prozess, der durch gewisse Regeln organisiert wird. Im Rahmen der Selbstreflexion werden also Schemata zur Beobachtung des eigenen Verhaltens aktiviert (vgl. Greif 2008). Eine Teamreflexion verlagert diese Prozesse auf die Gruppenebene.

Self‐/Team‐Reflection‐Reports (SRR/TRR)
Mit der Reflexion, sei es auf Ebene der Selbstreflexion oder auch auf Ebene der Gruppenreflexion ist nur ein Schritt gemacht. Reflexion ist in erster Linie ein mentaler Prozess und noch kein kommunikativer. Im Rahmen der Lehr‐/Lernforschung haben sich verschiedene Methoden etabliert, die das Offenlegen solcher Reflexionen unterstützen. Dies geht z.B. mit sogenannten Portfolios oder auch mit Tagebüchern. Ziel dabei ist es, das reflektierende Denken zu externalisieren und zu greifen.Durch das verschriftlichen der Gedanken, ist es möglich den Denkprozess der Reflexion festzuhalten und greifbar zu machen (vgl. Wopereis, Sloep & Poortman 2010).

SRR/TRR im Einsatz – Wie funktioniert das Konzept in der Praxis?
Wir arbeiten im Grunde im Rahmen eines „normalen“ wöchentlichen Seminars. Parallel zu den Lehrveranstaltungen und in Bezug auf die Inhalte, die dort erarbeitet werden, bearbeiten die Studierenden sogenannte SRRs auf Individualebene. Auf der digitalen Lernplattform Moodle werden den Studierenden Impulse in Form von Word-Dokumenten zur Verfügung gestellt. Diese Impulse beinhalten Aufgaben, die immer in klarem Bezug zu Themen des Seminars stehen (z.B. Techniken der Geschäftsideenentwicklung oder Unternehmerpersönlichkeit). Diese Aufgaben umfassen meistens Fragenkataloge, die zur Reflexion anregen sollen. Ist der Impuls bearbeitet, sollen die Studierenden im Rahmen einer questback-Umfrage ihre Antworten auf die Fragen des Reflection-Reports eintragen. Diese Fragen bearbeiten in der Regel die Dimensionen: Was haben Sie gelernt? Wie haben Sie sich dieses Wissen angeeignet? Wie wird dieses Wissen Ihre zukünftige Arbeit beeinflussen? Dies geschieht über die Funktion „Fragen mit offener Textantwort“ bei questback. Die Umfragen stehen in der Regel nur für einen beschränkten Zeitraum offen zur Verfügung (je nach Aufgabe 7 Tage bis zu 6 Wochen). – Parallel dazu gibt es auf Teamebene TRRs zu bearbeiten. Hier geht es inhaltlich um eine andere Dimension, es geht weniger um die Reflexion der eigenen Person als vielmehr um die Reflexion der Teamarbeit. Ansonsten ist das Prinzip gleich. Momentan haben wir die Ergebnisse noch nicht evaluiert, sondern nur stichprobenartig einen Eindruck gewinnen können. Aber wir sind schon jetzt wahnsinnig gespannt…

Quellen:

  • Drach‐Zahavy, Anat & Somech, Anit (2001). Understanding team innovation. The role of team processes and structures. Group Dynamics: Theory, Research, and Practice, 5 (2), 111‐123.
  • Greif, Siegfried (2008). Coaching und ergebnisorientierte Selbstreflexion.
  • Neergard, H. et al. (2012). Pedagogical interventions in entrepreneurship from behaviourism to existential learning. ISBE Conference 2012.
  • Somech, Anit (2006). The effects of leadership style and team process on performance and innovation in functionally heterogenous teams. Journal of Management, 32 (1), 132‐157.
  • West, M.A.(1996).Reflexivity and workgroup effectiveness: A conceptual integration. In M.A. West (Ed.), Handbook of work group psychology (pp. 525-579). London:Wiley.
  • Wopereis, Iwan; Sloep, Peter & Poortman, Sybilla (2010). Weblogs as instruments for reflection on action in teacher education. Interactive Learning Environments, 18 (3), 245‐261.
Britta Gossel

Britta Gossel

Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Fachgebiet Medien- und Kommunikationsmanagement an der Technischen Universität Ilmenau.

In Forschung und Lehre fokussiert sie sich auf die Themen Organisationskommunikation, Entrepreneurship, Medienmanagement und Strategie. Als ehemalige Stipendiatin ist sie heute ehrenamtlich Vertrauensalumna der Stiftung der Deutschen Wirtschaft in Thüringen. Weiterhin engagiert sie sich als Gründungsmitglied und Pressesprecherin im strategischen Lenkungskreis von auftakt. Das Gründerforum Ilmenau.
Britta Gossel